Das Ende einer
Ära
Die EU verabschiedet sich vom postkolonialen schlechten Gewissen
und will in bilateralen Verträgen mit afrikanischen Ländern die
WTO-Regeln noch verschärfen.
Ein
opulentes Buch bewarben während des Weltsozialforums in Nairobi
einige Buchläden in ihren Auslagen: den Fotoband „Geldof in Africa“.
Dicker als jeder kenianische Safariführer erzählt das Buch von den
Afrika-Reisen des „barmherzigen Barden“ (Die Zeit) Bob Geldof, der
sich seit dem ersten Life-Aid-Konzert 1985 gerne als bester Freund
des Kontinents präsentiert.
Ebenso
altruistisch und gutherzig wie Geldof stellt sich das politische
Europa dar, wenn es um seine Afrikapolitik geht. Das 2005 vom
Europäischen Rat verabschiedete Afrika-Strategiepapier verspricht
die Verbesserung der Beziehungen zwischen den Kontinenten und die
Förderung von Sicherheit und Frieden. Deutsche Zeitungen berichteten
geradezu begeistert über die dritte Afrikareise von Bundespräsident
Köhler im Winter 2006. Nach einer Tanzeinlage mit Ghanas Präsident
Kufuor unterstrich dieser mit Blick auf die Zukunft Afrikas:
„Deutschland trägt mit seinen Präsidentschaften in der Europäischen
Union und der G8 eine besondere Verantwortung. Nicht alle
Erwartungen werden sich erfüllen können. Wir werden uns aber
anstrengen und unser Bestes geben.“
Doch die
Afrika-Politik der EU und der Bundesregierung ist ebenso wenig
selbstlos wie die Afrika-Einsätze von Popstars wie Bob Geldof und
anderen Stars. So will die Europäische Union Ende 2007 bilaterale
Wirtschaftsabkommen zwischen der EU und den 77 assoziierten
AKP-Staaten (größtenteils afrikanische Länder) unter Dach und Fach
bringen, die den berüchtigten Praktiken bilateraler Abkommen der USA
in nichts an einseitiger Vorteilnahme nachzustehen scheinen. Unter
dem beschönigenden Titel Ökonomische Partner-Abkommen – Economic
Partnership Agreements, EPAs – werden alle AKP-Staaten zur
Liberalisierung von Investitionen und öffentlicher Auftragsvergabe
gedrängt – mit einem Ziel: europäischen Unternehmen möglichst
günstige Rahmenbedingungen zu verschaffen. Dazu zählt auch die
Schaffung von Freihandelszonen, die vor allem den dominanten Ländern
Vorteile bringt. Europa möchte mit allen Mitteln seine Industrien
und Märkte sichern und nimmt dabei auf entwicklungspolitische Ziele
wie Armutsbekämpfung oder den Schutz der lokalen Märkte kaum
Rücksicht.
Europäische Schlachtreste nach Afrika
Die EPAs
werden – in der geplanten Form verabschiedet – dazu führen, dass die
AKP-Staaten weiter Staatseinnahmen verlieren, weil sie dann auch
keine Importzölle mehr erheben dürfen. Die Folgen dieser Politik
werden in Ghana bereits heute deutlich. Hier hat die von der EU
erzwungene Senkung der Importzölle zur Überschwemmung der Märkte mit
europäischen Lebensmitteln geführt. Durch Preise für die
europäischen Schlachtreste, die weit unter den lokalen Produkten
liegen, gehen Kleinproduzenten bankrott. Die Folgen:
Arbeitslosigkeit und die Informalisierung von
Beschäftigungsverhältnissen – ganz abgesehen von den
gesundheitlichen Konsequenzen der miserablen Restfleisch-Qualität.
Ausgehend von der Logik der Marktsicherung und dem Schutz der
europäischen Exporte bewegt sich EPAs im Geist aller anderen
bilateralen Handelsabkommen. Von dem undurchschaubaren Konvolut an
Paragraphen und detaillierten Einzelregelungen, die die Anwälte der
Lobby-Vertreter hineingeschrieben haben, sind die unterzeichnenden
Politiker meist überfordert. Die Folgen können im Einzelfall
verheerend sein. So haben bislang alle bilateralen Handelsabkommen
die ohnehin schon zu Gunsten der dominanten Staaten ausgerichteten
restriktiven Regelungen der Welthandelsorganisation (WTO) weiter
verschärft. Die bilateralen Handelsabkommen der USA mit den
mittelamerikanischen Ländern beispielsweise haben den Patentschutz
für bereits patentfreie Medikamente wieder eingeführt, was nun
lokale Generika-Produzenten (von patentfreien Nachahmer-Produkten)
in ihrer Existenz bedroht und zu massiven Preiserhöhungen für
einfachste Medikamente führen wird. So äußerte die
Bundestagsfraktion der Grünen bereits Befürchtungen, dass ähnliche
Pläne mit EPAs verbunden sein könnten. Sie forderte, dass EPAs keine
über die Regelungen der Welthandelsorganisation (WTO) hinausgehende
Vereinbarung im Bereich der geistigen Eigentumsrechte TRIPS
beinhalten dürften.
Afrikanische Netzwerke gegen EPAs
Die
Sorge vor den möglichen Folgen der neuen Abkommen mit Europa war auf
dem 7. Weltsozialforum Anfang Januar in Nairobi überall präsent;
viele Workshops und Aktionen beschäftigten sich mit EPAs.
Afrikanische Basisnetzwerke zogen demonstrierend zur Vertretung der
Europäischen Kommission in Nairobi. Die StopEPA-Kampagne wird
international von fast 200 Organisationen und Netzwerken getragen.
Sie kritisierten, dass die Handelspolitik Europas ebenso
kompromisslos und profitorientiert sei wie die der viel gescholtenen
Länder USA und China. Lediglich ökonomische und
sicherheitspolitische Interessen Europas würden über EPAs
durchgesetzt. Die internationale Bewegung gegen EPAs fordert
deshalb, den Zeitdruck aus den Verhandlungen zu nehmen und über
gerechte Alternativen nachzudenken, die den Entwicklungsbedürfnissen
der betroffenen Länder gerecht würden. Gerechte Handelsbeziehungen
forderten auch die 180 europäischen Nichtregierungsorganisationen,
darunter auch medico international, in einem Brief an
Bundeskanzlerin Merkel. Ob es gelingt EPAs zu verhindern? Die
Europäische Union hat gedroht, wenn die AKP-Staaten nicht
unterzeichnen, werde sie die Auszahlung der Finanzhilfen stoppen. So
wird die Partnerschaft mit Afrika konkret ausgestaltet: durch
Erpressung.
Anne
Jung
Quelle:
medico international,
medico Rundschreiben 01-2007