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Kampagne "Fair Games - Fair Play"

2010 – ist das der Anstoß?


Weltweit erfährt der Bausektor einen Boom und die Regierungen erkennen, dass eine gute Infrastruktur ein entscheidender Faktor für wirtschaftliches Wachstum ist. Die südafrikanische Regierung hat für den Ausbau der Infrastruktur 372 Mrd. Rand (308 Mio. Euro) bereitgestellt und weitere 30 Mrd. Rand (25 Mio. Euro) für die Austragung der Weltmeisterschaft 2010. Wer wird von dieser gewaltigen Investition von öffentlichen Mitteln profitieren? Eddie Cottle, Koordinator der Kampagne „Fair Games – Fair Play: Decent Work towards and beyond 2010“ in Südafrika, argumentiert, dass die Arbeiter und die Gesellschaft nur profitieren werden, wenn es verschiedene Interventionen und eine koordinierte Kampagne geben wird, die aufzeigt, was über die Projekte zur WM 2010 hinaus getan werden soll.

von Eddie Cottle

Oftmals konkurrieren Staaten erbittert um Großereignisse. Sie investieren Milliarden in Luxusgüter wie Sport- und Unterhaltungsstätten in dem Glauben, es würde das Image des Landes aufpolieren und die Wirtschaft ankurbeln. Üblicherweise richtet sich das Abschätzen der Folgen nur auf das Wirtschaftswachstum und das Schaffen von Arbeitsplätzen, die sozialen Auswirkungen und der gesellschaftliche Nutzen dieser Projekte im Hinblick auf die drängenden sozialen Bedürfnisse werden hingegen nicht betrachtet.
Die Auswirkungen für Entwicklungsländer, ein Großereignis auszutragen, unterscheiden sich enorm von denen für Industrienationen; denn allein die Kosten, die in die Infrastruktur investiert werden müssen, sind deutlich höher. Die USA gaben 1994 weniger als 30 Mio. US-Dollar (19 Mio. Euro) aus, um die Fußballweltmeisterschaft auszutragen, Frankreich 1998 weniger als 500 Mio. US-Dollar (318 Mio. Euro). Im Vergleich dazu ließ sich Südkorea die Weltmeisterschaft 2002 zwei Mrd. US-Dollar kosten und Südafrika wird 4,1 Mrd. US-Dollar (2,6 Mrd. Euro) investieren.
Aus wirtschaftlicher Sicht geht es bei den Kosten für die Stadien nicht um den Umfang der Investition, sondern um den Wert, den sie für die Gesellschaft unter Berücksichtigung der anderen dringenden Bedürfnisse hat. Man sollte wissen, dass der Betrag an öffentlichen Geldern, der zur Vorbereitung für die Weltmeisterschaft ausgegeben wird, dem entspricht, was der Staat in den letzten zehn Jahren für die Bereitstellung von Häusern ausgegeben hat. Der Multiplikatoreffekt der Ausgaben wäre größer gewesen, wenn die öffentlichen Mittel in gesellschaftlich lebensfähige Einrichtungen investiert worden wären, wodurch dann die Wirkung der investierten Gelder und die Entwicklung der Qualifikationen messbar geworden wären.
Dass die Prognosen für die Weltmeisterschaft 2010, so wie sie bemessen wurden, auf groben Schätzungen beruhen, gibt Anlass zur Sorge. Der Anstieg der Ausgaben für die Weltmeisterschaft kann in „Brutto-“oder „Nettoausgaben“ gemessen werden. Direkte Ausgaben sind die Summe aller Rechnungen, die durch das Ereignis anfallen. Dieser Ansatz berücksichtigt allerdings nicht die „verschobenen“ Investitionen, die dadurch entstehen, dass die Einwohner ihr Geld für Tickets oder andere Aktivitäten ausgeben und es so der lokalen Wirtschaft entziehen.

 

Substitutionseffekt

Die Olympischen Sommerspiele, die 2000 in Sydney stattfanden, dienen als Beweis für diesen „Substitutionseffekt“. Während in Sydney die Belegung der Hotels um 49 Prozent zunahm, verzeichneten die anderen australischen Städte im selben Zeitraum eine Abnahme der Belegungen um 19 Prozent. Die Besucher der Spiele verursachten einen „Verdrängungseffekt“, indem sie die normalen Reisenden, die das Land besuchten, ersetzten. Während der Fußballweltmeisterschaft 2002 in Südkorea war die Zahl der Besucher des Landes um einiges höher als normal, doch gleichzeitig sank die Zahl der Besucher aus Japan enorm. Der Consultingsfirma Grant Thornton zufolge erwartet Südafrika zur Weltmeisterschaft ca. 362 000 ausländische Besucher. Dies sind z.B. deutlich weniger als die 506.790 ausländischen Besucher, die Südafrika im Juni 2005 bereisten.
Der abschließende Grund, warum die möglichen Auswirkungen der WM übertrieben zu sein scheinen, bezieht sich auf das, was Ökonomen als Multiplikatoreffekt bezeichnen. Grant Thornton schätzt, dass sich der Bruttobetrag am Bruttoinlandsprodukt zwischen 2006 und 2010 auf 51,1 Mrd. Rand (4,23 Mrd. Euro) belaufen wird. Davon sind 30,4 Mrd. Rand (2,52 Mrd. Euro) öffentliche Mittel plus der daraus resultierende Multiplikatoreffekt. Weitere 15,6 Mrd. Rand (1,3 Mrd. Euro) werden durch den Tourismus erwirtschaftet.
Im Multiplikatoreffekt nicht enthalten ist das Geld ausländischer Firmen, das nicht in Südafrika bleibt. Anders ausgedrückt: Wie viel Prozent des Profits bleiben im Land? Zur Repatriierung des Geldes kommt die Einfuhr von 35.000 gut verdienenden, hochqualifizierten und spezialisierten Arbeitskräften. Der Multiplikatoreffekt muss also auch den Einnahmeverlust durch Repatriierung und die nachfolgenden Ausgaben berücksichtigen.
Was ist mit der Schaffung von Arbeitsplätzen? Die grobe Schätzung für langfristige Jobs im Bau- und Tourismussektor in der Region beläuft sich auf 564.650 Arbeitsplätze jährlich. Grant Thornton betrachtet weder die spezielle und kurzlebige Natur der Weltmeisterschaft 2010 noch die Qualität der Arbeitsplätze oder ob die Arbeiter von der gestiegenen Qualifizierung oder den gestiegenen Einnahmen profitieren. Nach allem, was angeführt wurde, scheint es, als ob dem privaten Sektor eine enorme Menge an Fördermitteln zuerkannt wurde, die aus den Anteilseignern der Bau- und Tourismusbranche die wahren Gewinner macht.

 

Wer profitiert vom Wachstum?

Es gibt Anzeichen dafür, dass die enormen öffentlichen Investitionen als direkte Gewinne an die Baufirmen gehen, die den Auftrag erhielten, die Infrastruktur von Wasser, Elektrizität, Haus, Straßen, Gebäude, Stadien sowie von Schienen und Häfen zu verbessern. Die Bauarbeiter sind sich der Milliarden an öffentlichen Zuschüssen bewusst, sehen jedoch keinen Vorteil darin, denn ihre Löhne und Arbeitsbedingungen haben sich verschlechtert. Dazu kommt die „Rassendimension“ der Armut und bei der Aus- und Weiterbildung.
Während der Bausektor boomt, erfahren die Arbeiter alltäglich die schlechten Arbeitsbedingungen durch anhaltend niedrige Löhne, ungeschützte Arbeitsverhältnisse durch Subunternehmer-Verträge und einen Mangel an Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Die Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter zeigen ein größeres Problem auf, nämlich das der steigenden Ungleichheit und Armut im Kontext der enormen Anhäufung von Gewinnen und Reichtum nicht nur in der Baubranche, sondern auch in der gesamten Wirtschaft.
Eine Analyse der Performance von Firmen aus dem Bausektor zeigt einen Anstieg der Gewinne vor Steuern von 36 Prozent. Das Einkommen der Geschäftsführer stieg um durchschnittlich 39 Prozent - die größte Einkommenssteigerung in allen Wirtschaftssektoren. Die 25 untersuchten Geschäftsführer verdienten zusammen 81 Mio. Rand. Darüber hinaus stieg das durchschnittliche Einkommen der Vorstandsvorsitzenden (CEOs) in diesem Sektor um 38 Prozent. Der Lohn von BC Bruces, CEO von Murray & Roberts, stieg zum Beispiel um 40 Prozent auf 7,4 Mio. Rand (613.000 Euro). Der CEO von Aveng, Carl Grims, steigerte sein Einkommen im Geschäftsjahr um 47 Prozent auf 4,7 Mio. Rand (390.000 Euro).
Dasselbe gilt nicht für die Bauarbeiter. Sie können sich, trotz eines die Inflation übersteigenden Anstiegs ihres Lohns um 8 Prozent aufgrund ihres geringen Einkommens nicht aus der Kategorie der Armutslohnempfänger befreien. Dafür ist die hohe Inflation der Lebensmittelpreise von ca. 13,5 Prozent verantwortlich. Trotz gestiegener Löhne können sich die Arbeiter weniger Lebensmittel leisten. Der gegenwärtige Mindestlohn für einen normalen Arbeiter liegt bei 11 Rand (0,91 Euro) pro Stunde, so dass er für 44 Stunden Arbeit die Woche 484 Rand (40 Euro) oder 1936 Rand (160 Euro) im Monat erhält. Der Mindestlohn für einen gelernten Handwerker liegt bei einem Stundenlohn von 26 Rand (2,15 Euro), dies entspricht 1144 Rand (95 Euro) pro Woche und einem Monatsgehalt von 4576 Rand (379 Euro). Nimmt man die Schätzung einer zurückhaltenden Lebensführung als Maßstab, so benötigt man in Südafrika 3000 Rand (248 Euro) zum Leben, was bedeutet, dass die überwältigende Mehrheit der Bauarbeiter ein Einkommen unterhalb des Existenzminimums und somit Armutslöhne erhält.

 

Decent Work Campaign

Aus diesen Gründen kommt der Kampagne Decent Work eine entscheidende Funktion im Kampf gegen die Bosse der Baubranche und der Forderung nach einer fairen Aufteilung der Gewinne sowie nach besseren Arbeitsbedingungen zu. Weltweit sterben jährlich über 100.000 Bauarbeiter bei vermeidbaren Arbeitsunfällen. Zu den tödlichen Arbeitsunfällen kommen durch die Arbeit hervorgerufene Gesundheitsprobleme wie Taubheit, Vibrationssyndrom, Rückenschmerzen, Muskel- und Knochenverletzungen, Atemwegserkrankungen und eine alarmierend hohe HIV/Aids-Rate. Außerdem werden die Arbeiter unabhängig von den Wetterbedingungen auf den ungesicherten offnen Autoladeflächen transportiert, Das Recht auf angemessene Arbeitsbedingungen (decent work) ist deshalb von entscheidender Bedeutung, um für die Bauarbeiter sichere Arbeitsbedingungen zu gewährleisten.

 

An der WM 2010 beteiligte Firmen

Die folgende Liste enthält die Hauptfirmen, die an den verschieden Projekten für die WM 2010 arbeiten.

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Wilson Bayly Holmes Construction (PTY) Ltd: WBHO Construction ist am Bau des Peter Mokaba-Stadions in Polokwane, des African Renaissance-Stadions in Kapstadt und des Manhida-Stadions in eThewini beteiligt. Der BEE-Partner (Black Economic Empowerment) von WBHO sind die Akhani Investmend Holdings, die einen Anteil von 15 Prozent an WHBO halten.

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Basil Read: Dieses Unternehmen ist beteiligt am Bau des Mbombela-Stadions in der Provinz Mpumulanga. Sein BEE-Partner ist die Firma Amabubesi Investments, die einen Anteil von 35,8 Prozent an Basil Read besitzt.

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Grinaker-LTA: Grinaker ist in den Bau des African Renaissance-Stadions in Kapstadt sowie in den Bau des Nelson Mandela-Stadions in Port Elizabeth und des Soccer City-Stadions in Johannesburg involviert. Seine BEE-Partner sind Qakazana Investment Holding und Aveng, die eine Beteiligung von 25 bzw. 75 Prozent besitzen.

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Group Five: Die Firma ist beteiligt am Bau des Moses Mabhida-Stadions in eThekwini. Seine BEE-Partner, die iLima-Gruppe und die Mvelaphanda-Gruppe, besitzen zusammen einen Anteil von 21,6 Prozent an Group Five.

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Interbeton (in den Niederlanden ansässig): Interbeton ist in den Bau des Soccer City-Stadions in Johannesburg sowie des Nelson Mandela-Stadions in Port Elizabeth involviert.

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Murray & Roberts: Das Unternehmen ist am Bau des African Renaissance-Stadions in Kapstadt und am Gautrain beteiligt.

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Bouyges (in Frankreich ansässig): Ist beteiligt am Bau des Mbombela-Stadions in Mpumalanga und am Gautrain.

Bombela-Mitglieder-Konsortium (für den Gautrain): Dieses Konsortium setzt sich zu je 25 Prozent aus den Firmen Bombadier (Kanada), Bouyges (Frankreich) und Murray & Roberts (Südafrika) zusammen. Weiterhin besitzen die BEE-Firmen Loliwe Rail Constractors und Loliwe Rail Express zusammen einen Anteil von 25 Prozent. Loliwe Rail Constractor besteht aus den Anteilseignern Black Management Forum investment company, Prop5 Corporation und den BEE-Baufirmen Blackstone, ZMK und Let Properties. Loliwe Rail Contractors hat einen Geschäftsumsatz von über 360 Mio. Rand. Loliwe Rail Express hat einen Umsatz von über einer Mrd. Rand und besteht unter anderem aus den Anteilseignern African Legend, BMFI, Prop5 Corporation und Powerhouse.
 


Fazit

Für all diese Projekte gab es nicht die gängigen Konsultationen über die langfristigen Auswirkungen für den Normalbürger und die Arbeiter. Werden die Arbeitskräfte an den steigenden Einnahmen beteiligt? Wird die Mehrheit der Arbeiter einen sicheren Vollzeitjob erhalten? Wird ihre Qualifikation durch zusätzliche Ausbildung gefördert? Werden die Gesundheits- und Sicherheitsstandards so erhöht, dass sie ein sicheres Arbeiten garantieren? Oder werden die Privatwirtschaft und ihre Aktionäre die Profiteure der enormen staatlichen Fördergelder sein? Um sicherzustellen, dass der Multiplikatoreffekt auch wirklich die Situation der Arbeiter verbessert, haben internationale Gewerkschaftsverbände, lokale Gewerkschaften und unterstützende Organisationen die Kampagne Fair Games – Fair Play: Decent Work towards and beyond 2010 ins Leben gerufen.
Die Bau- und Holzarbeiter Internationale (BHI) und die mit ihr verbundenen Gewerkschaften haben realisiert, dass die Fußballweltmeisterschaft 2010 einerseits die Möglichkeit bietet, sich Ansehen und Respekt zu erwerben, und andererseits dafür genutzt werden kann, neue Gewerkschaftsmitglieder zu rekrutieren. Es gibt keinen passenderen Zeitpunkt als den, wenn die gesamte Welt auf die WM 2010 blickt, um die Agenda für angemessene Arbeit in den Bausektor und alle anderen an der Weltmeisterschaft beteiligte Sektoren zu bringen. So wird sichergestellt sein, dass die Fußballweltmeisterschaft nicht auf Kosten der Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter ausgetragen wird.

Der Autor ist in Südafrika der Koordinator der Kampagne „Fair Games – Fair Play: Decent Work towards and beyond 2010“.
 

Quelle: afrika süd 03.2008

Wir danken der issa e.V. für die Veröffentlichungsgenehmigung auf unserer Website.

   
 

Kampagne zur Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika

 

 
 

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