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Kampagne "Fair Games - Fair Play"

 

”Fair Games – Fair Play“ - Faire Arbeitsbedingungen im Vorfeld der FIFA WM 2010 in Südafrika


Internationale gewerkschaftliche Solidarität kann auch heute noch erfolgreich sein: Die Bau- und Holzarbeiter Internationale BHI, das Schweizerische Arbeiterhilfswerk SAH und die Schweizer Gewerkschaft Unia unterstützen aktiv die Kampagne „Fair Games – Fair Play: Decent Work towards and beyond 2010“ der südafrikanischen Baugewerkschaften. Nicht nur wurden in Südafrika mit Baustellenstreiks wichtige Erfolge in puncto Lohnzuzahlungen und Arbeitssicherheit erzielt, sondern die Kampagne konnte auch der FIFA wichtige Zugeständnisse abringen.


von Vasco Pedrina / Joachim Merz

 

Wieso nicht das Großereignis der FIFA-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika dazu nutzen, um der weltweiten Kampagne „Decent Work for a Decent Life“, die vom Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB), dem Global Progressive Forum und der NGO-Allianz Solidar unterstützt wird, einen konkreten Inhalt zu geben?[1] Diese Frage beschäftigte die Bau- und Holzarbeiter Internationale (BHI) schon in Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 2008 in China. Peking schob dem Zutritt unabhängiger Gewerkschaften auf die Baustellen jedoch einen Riegel vor. Die internationale Gewerkschaftsbewegung wird sich diese Frage auch in Zukunft immer wieder stellen müssen, z.B. schon bald in Zusammenhang mit der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine. Die polnische und die vietnamesische Regierung haben erst kürzlich eine Vereinbarung über die Einfuhr von 100.000 Immigranten abgeschlossen, u.a. für den Bau neuer Fußballstadien.

 

”Fair games – Fair Play“:

Die Kampagne in Südafrika…

Südafrika putzt sich derweil für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 heraus. Das Land am Kap will der Welt beweisen, dass es fähig ist, solch ein Spektakel zu organisieren. Das ist eine Frage des Nationalstolzes. Und nicht nur. Ganz Afrika soll der Welt zeigen, dass es vorwärts geht. Schluss mit Pessimismus. Nur schöne Bilder soll es geben mit erwartungsfrohen, jubelnden, fußballbegeisterten Afrikanerinnen und Afrikanern. Dies liegt natürlich auch dem Weltfussballverband FIFA am Herzen. Ein Kontinent im Aufbruch also, angestoßen durch den Fußball?

Nicht alle sehen das so. Nehmen wir die Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter in Südafrika. Sie sind bestimmt keine Spielverderber, denn sie sind ebenso fußballbegeistert wie so viele in Südafrika. Aber sie stellen klare Forderungen und haben im Januar 2007 am Weltsozialforum in Nairobi die Kampagne „Fair Games – Fair Play“ lanciert. Die Kampagne will bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen – mit Löhnen nicht unter 3.000 Rand (250 Euro), besseren Arbeitsschutzbestimmungen, beruflicher Aus- und Weiterbildung – und fordert die Garantie gewerkschaftlicher Vereinigungs- und Verhandlungsrechte. Und sie will die Arbeitnehmervertretungen durch Mitgliederzuwachs stärken.

Mit der Kampagne machen die Gewerkschaften klar: Die FIFA WM 2010 darf nicht auf dem Rücken der Arbeiterinnen und Arbeiter ausgetragen werden. Mit menschenwürdigen Arbeitsbedingungen vor, an und nach der WM kann der Fußball auch ein Motor für soziale Entwicklung sein. Die Gewerkschaften nehmen dabei die FIFA beim Wort, die sich soziale Verantwortung auf die Fahnen schreibt und Initiativen wie „In Afrika mit Afrika gewinnen“ und „Football for Hope“ ins Schaufenster stellt.

Wichtigste Akteure der Kampagne sind neben der BHI die drei südafrikanischen Mitgliedsverbände Num, Bcawu und Sabawu[2] sowie einige Mitgliedsverbände in Europa (insbesondere die Baugewerkschaften in Schweden, Holland und Belgien). Eine besonders aktive Rolle spielen Schweizer Gewerkschaften und NRO wie die interprofessionelle Gewerkschaft Unia und das Schweizerische Arbeiterhilfswerk SAH[3]. Nicht nur ist der Moment günstig, denn die Fußball-Europameisterschaft 2008 rückt Fußball noch mehr ins Interesse der Öffentlichkeit in der Schweiz. Bekanntlich hat die FIFA ihren Sitz in der Schweiz, was natürlich Kampagnenmöglichkeiten eröffnet.

Die südafrikanische Regierung, Provinzen und Städte investieren über 30 Milliarden Rand (2,5 Milliarden Euro) in die WM 2010. Doch kommen diese öffentlichen Gelder lange nicht allen in gleichem Maß zugute. Während die Bauunternehmen vom Bauboom profitieren und 2006 einen Gewinnzuwachs von 36 Prozent verzeichneten, liegen die Löhne auf dem Bau durchschnittlich bei mickrigen 2.500 Rand (rund 200 Euro) – in einem Land, in dem noch immer ein Drittel der Bevölkerung in Armut lebt[4].

Diejenigen, die die Stadien, Flughäfen und Bahntraßen bauen, leisten harte körperliche Arbeit in einer 44-Stunden-Woche und tragen ein hohes gesundheitliches Risiko. Immer wieder kommt es zu Unfällen. Zusätzlich lastet der große Termindruck auf den Schultern der Arbeiterinnen und Arbeiter, denn die FIFA will alle zehn WM-Stadien bis Herbst 2009 fertig gestellt sehen.

Man muss sich die Dimensionen des Vorhabens einmal vorstellen. Allein für den Bau und Umbau der zehn WM-Stadien sind derzeit über 10.000 Bauarbeiter beschäftigt. Berücksichtigt man außerdem die mittel- und langfristigen Infrastrukturprojekte in Südafrika (wie Straßen, Schienennetz, Flughäfen, etc.), ergibt sich eine Zahl von rund 100.000 Bauarbeitern, die bis zur WM im Jahr 2010 im Einsatz sein werden.

Hauptprobleme sind das tiefe Lohnniveau, die prekären Arbeitsverhältnisse (40 Prozent sind temporär beschäftigt), der verbreitete Einsatz von ungeschützten Immigranten und die fehlende Kontrolle bei Subunternehmen. Hinzu kommt, dass den Gewerkschaften der Zugang zu den WM-Baustellen erschwert ist. Auch meldeten gewerkschaftliche Vertrauensleute Fälle von rassistischen Diskriminierungen.

Im ersten Halbjahr 2007 starteten die Kampagnenaktivitäten in Südafrika. In einer ersten Phase machten die Gewerkschaften ihre Kritik sowie ihre Forderungen öffentlich und unterzogen die arbeitsrechtliche Praxis der Baufirmen und Konsortien, die Ausschreibungen gewonnen haben, einem Monitoring. Im Juni 2007 unterzeichneten die südafrikanischen Baugewerkschaften und das lokale FIFA-Organisationskomitee (FIFA LOK) ein Memorandum für faire Arbeitsbedingungen. Der Forderungskatalog wurde auch von einem der beiden großen südafrikanischen Bauunternehmerverbände (Safcec, South African Federation of Civil Engineering Contractors) unterschrieben.

Seither kam es auf südafrikanischen Stadionbaustellen zu einer Reihe von erfolgreichen Streiks und spontanen Arbeitsniederlegungen. Im August und September 2007 streikten 800 Bauarbeiter gleich zwei Mal auf der Baustelle des African Renaissance-Stadion in Kapstadt. In November 2007 folgte ein 12-tägiger Streik am Moses Mabhida-Stadion in Durban – kurz vor der Auslosung zur WM-Qualifikation am gleichen Ort, die in 170 Länder übertragen wurde. Unterstützt wurden die Bauarbeiter von der Gewerkschaft der städtischen Angestellten Samwu (South African Municipal Workers Union) und dem Verband der Profifußballspieler Safpu (South African Football Players Union). Die Presse kommentierte den Streik wohlwollend, die Bevölkerung hatte Verständnis für die Forderungen. Im November 2007, Februar und April 2008 schließlich streikten 450 Bauarbeiter des Mbombela-Stadions in Nelspruit.

Mit den Streiks und Aktionen konnten deutliche Lohn- und Spesenerhöhungen in Form von Bonuszahlungen und Transportentschädigungen erzielt werden. In Durban erhalten 1200 Arbeiter eine Bonuszahlung von je 6.000 Rand, insgesamt also 7,2 Mio. Rand (rund 600.000 Euro). Nicht minder wichtig ist, dass auch alle Subunternehmen auf der Stadionbaustelle den für das Ingenieurwesen festgeschriebenen Mindestlohn von 11 Rand pro Stunde zahlen müssen.[5] Lohndrückerei von 6 Rand in der Stunde – wie in Durban aufgedeckt – wird es in Zukunft nicht mehr geben. Die Gewerkschaften können nun ihre eigenen Vertreter für die Kontrolle der Arbeitsschutzbestimmungen wählen. Auch in puncto Mitgliederwerbung tut sich einiges: Seit Beginn der Kampagne konnten Num, Bcawu und Sabawo rund 3300 neue Mitglieder gewinnen.

 

... und in Europa

Die Solidarität der involvierten europäischen Baugewerkschaften ist nicht nur materieller Art. Es braucht deutlich mehr. Drei Aspekte verdienen in den Vordergrund gestellt zu werden:

Erstens: die zunehmende Bedeutung multinationaler Konzerne auch in der Bauwirtschaft. Mit der Royal Bam Group – Interbeton (Holland) und Bouygues (Frankreich) sind zwei große internationale Player an Konsortien in Südafrika beteiligt. BHI und ihre Mitgliedsverbände haben ein Rahmenabkommen mit der Royal Bam Group abgeschlossen, das weltweit soziale Mindeststandards vorsieht. Deren Einhaltung gilt es nun zu kontrollieren. Dies hat dazu geführt, dass im März 2008 eine BHI-Delegation mit Beteiligung der holländischen Baugewerkschaft CNV eine Inspektion auf den Baustellen der Royal Bam Group in Soccer City (Johannesburg) und im Nelson Mandela-Stadion (Port Elizabeth) durchgeführt hat.

Zweitens: Die Gewerkschaft Unia, der Schweizerische Gewerkschaftsbund SGB und das Schweizerische Arbeiterhilfswerk SAH haben den südafrikanischen Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern die Tür zur FIFA geöffnet. Anlässlich eines einwöchigen Besuchs einer Delegation der drei südafrikanischen Baugewerkschaften Mitte März 2008 kam es zu einem Arbeitsgespräch mit FIFA-Präsident Joseph Blatter und der öffentlichen Übergabe eines Forderungskatalogs an die FIFA. Das Ergebnis übertraf die Erwartungen der kampagnenführenden Organisationen. J. Blatter sicherte nicht nur zu, die Botschaften der Kampagne „Fair Games – Fair Play“ zu unterstützen. Konkret erklärte er sich auch bereit, beim FIFA LOK und der südafrikanischen Regierung zu intervenieren, damit „Fair Play“ nicht nur auf dem grünen Rasen, sondern auch auf den Baustellen gilt. Die Gewerkschaften werden zukünftig bei FIFA-Inspektionen der Stadionbaustellen einbezogen. Damit ist es gelungen, die FIFA in die Verantwortung zu nehmen und einen wichtigen Präzedenzfall auch für zukünftige sportliche Großereignisse zu schaffen.

Drittens hat der Besuch der südafrikanischen Gewerkschaftsdelegation in der Schweiz gezeigt, wie wichtig der Austausch über die Landesgrenzen und über die Kontinente hinweg ist. Für Gewerkschaften ist das grenzüberschreitende Lernen bisher weniger selbstverständlich als für Unternehmen. Aber: Im Zeitalter einer rasanten kapitalistischen Globalisierung sind die Problemlagen sehr ähnlich – trotz natürlich bestehender nationaler und kontinentaler Unterschiede. Deshalb gilt es, den Austausch von „best practices“ im gewerkschaftlichen Aufbau wie auch im Kampf für eine offene und soziale Gesellschaft zu fördern.

 

Internationale Solidarität als Antwort auf die Globalisierung

Die rasch voranschreitende Verflechtung der Weltwirtschaft stellt die Gewerkschaften vor die große Herausforderung, nicht nur Antworten auf nationale Fragen zu finden, sondern auch global zu denken und zu handeln. Eine Schlüsselstrategie für eine echte Alternative zur kapitalistischen Globalisierung liegt in der massiven Stärkung der Gewerkschaftsbewegung weltweit. Ohne sie wird es keine Gegensteuer geben. Unbestritten sind die Arbeitsbedingungen und sozialen Einrichtungen in den Ländern am vorteilhaftesten, in denen die Gewerkschaften eine lange Tradition und eine starke gesellschaftliche Stellung haben. Nicht von ungefähr spricht man vom „europäischen Sozialmodell“ und nicht von einem amerikanischen.

Ein Blick auf den gewerkschaftlichen Organisationsgrad lässt das Ausmaß der bevorstehenden Herausforderungen erahnen. Im Zeitraum 1990 – 2003 ist der Organisationsgrad in den Ländern der Europäischen Union von 33,1 Prozent auf 26,3 Prozent gesunken (Schweden hat den höchsten, Frankreich den niedrigsten Organisationsgrad). In den Vereinigten Staaten ging die gewerkschaftliche Organisation von 15,5 Prozent auf 12,4 Prozent zurück. In Lateinamerika liegt der Organisationsgrad durchschnittlich bei unter 10 Prozent, in Asien und Afrika gar unter 5 Prozent. In der südafrikanischen Bauwirtschaft sind weniger als 10 Prozent gewerkschaftlich organisiert. Unter solchen Umständen und angesichts der Desaster, die die Globalisierung unter dem gewaltigen Druck eines hemmungslosen Finanzkapitalismus provoziert, ist die internationale Gewerkschaftsarbeit unverzichtbar.

Die Kampagne „Fair Games – Fair Play“ weckt berechtigte Hoffnungen – wenn auch in einem bescheidenen Rahmen. Aber: Mit nicht weniger bescheidenen finanziellen und personellen Ressourcen liefert sie den Beweis dafür, dass internationale gewerkschaftliche Solidarität erfolgreich ist – zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, bei der Durchsetzung der Menschen- und Gewerkschaftsrechte, bei der Mitgliederwerbung und der Bewusstseinsbildung der Gewerkschaftskader und Vertrauensleute.

Oder um es mit den Worten eines Gewerkschafters auf dem letztjährigen Weltsozialforum zu sagen: “Another World Cup is possible!“

 


Vasco Pedrina ist Vize-Präsident der Bau- und Holzarbeiter Internationale (BHI),
Joachim Merz vom Schweizerisches Arbeiterhilfswerk (SAH) leitet die Kampagne “Fair Games – Fair Play“ in der Schweiz

 


Quelle: afrika süd 03.2008

Wir danken der issa e.V. für die Veröffentlichungsgenehmigung auf unserer Website.

 

 

Anmerkungen:

[1] Diese Kampagne wird am 7. Oktober 2008 einen Höhepunkt erreichen anlässlich des „World Day for Decent Work“, der weltweit mit Aktionen und Veranstaltungen stattfinden wird.

 

[2] Num (National Union of Mine Workers), mit 280.000 Mitgliedern – davon 48.000 Baugewerkschafter – größter Verband, Mitglied von Cosatu; Bcawu  (Building, Construction and Allied Workers' Union), Mitglied von Nactu; Sabawo (South African Building and Allied Workers’ Organisation), Mitglied von Consawu.

 

[3] Unia ist die größte Gewerkschaft in der Schweiz. Sie organisiert 200.000 Arbeitnehmende (davon 50 Prozent Migranten) in den Sektoren Bau, Gewerbe, Industrie und Dienstleistungen. Das Schweizerische Arbeiterhilfswerk SAH ist das Hilfswerk der Schweizer Gewerkschaften und der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS).

 

[4]Zugrunde gelegt ist die internationale Armutsgrenze von weniger als zwei US-Dollar zur Verfügung stehendem Einkommen pro Tag, vgl. UNDP Human Development Report 2007 / 2008.

 

[5]Laut Sectoral Determination 2: Civil Engineering Sector.

 

   
 

Kampagne zur Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika

 

 
 

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