Der weite Weg ins Turnier
- Südafrikanische Fußballgeschichte(n)
Wohl nirgendwo sonst zeigt sich so deutlich der Zusammenhang von Politik und Sport – auf nationaler wie globaler Ebene – wie im Falle Südafrikas. Die Entwicklung des Fußballs dort und die Einbindung in internationale Strukturen und Turniere sind dafür exemplarischer Ausdruck.
von Deon Hoogenhout
Großbritannien gilt als das Mutterland des Fußballs. Und es
waren die Briten, die als Kolonialherren den Fußball über die Erde
verbreiteten. Er war für die Truppen und Verwaltungsbeamten nicht zuletzt
ein geeignetes Mittel, Disziplin und Unterwerfung unter einer Regel – ihre
Regel – einzuüben und noch nicht die pädagogische Vorgabe, sich auf Regeln
zu einigen und sie einzuhalten.
Der Fußball wurde in Afrika begeistert aufgenommen, auch in Südafrika. Doch
hier entwickelte sich der organisierte Fußball ein wenig anders als sonst
auf dem Kontinent. Die Politik gab die Richtung vor und der Rassendünkel der
Kolonialherren bestimmte über 120 Jahre die sportliche Organisation.
Hier gab es anders als in vielen anderen Kolonien genügend Siedler
europäischer Herkunft, so dass man „unter sich“ Sport treiben konnte. 1879
wurde der erste anerkannte Fußballverein gegründet, Pietermaritzburg County,
in der Stadt, die heute noch oft die britischste genannt wird. Die
Mannschaft setzte sich ausschließlich aus eingewanderten Europäern zusammen.
Die ersten Spiele wurden gegen Auswahlmannschaften der britischen
Kolonialtruppen ausgetragen.
„Nur für Weiße“
Drei Jahre später, 1882, gründeten vier Vereine den
Fußballverband der damals britischen Kolonie Natal (Natal Football
Association). Es war der erste Verband, der außerhalb von Großbritannien
gegründet wurde. Es folgten weitere Gründungen im Kap und in den
Burenrepubliken Transvaal und Oranje Freistaat, die ab 1892
„südafrikanische“ Wettbewerbe ausführten.
Im gleichen Jahr wurde der südafrikanische Fußballverband
SAFA (South African Football Association) gegründet. Bis 1896 – dem Vorabend
des anglo-burischen Krieges – waren alle Regionen auf südafrikanischem
Territorium dem Dachverband beigetreten. Alle Regionalverbände und ihre
Mannschaften mussten rein weiß sein. SAFA wurde mit Gründung Mitglied des
englischen Fußballverbandes, und als 1910, neun Jahre nach dem Ende des
anglo-burischen Krieges, die Südafrikanische Union gegründet wurde, wurde
die SAFA eigenständiges Mitglied der FIFA, die im März 1904 in Paris
gegründet worden war. Die Mitgliedschaft dauerte bis 1926, als
Großbritannien aus Protest gegen die FIFA-Politik alle seine Verbände
zurückzog. 1952 nahm Südafrika mit der Rückkehr des englischen Verbandes die
Mitgliedschaft in der FIFA wieder auf. Sie dauerte nur einige Jahre, bis
SAFA 1964 wegen rassistischer Statuten vom Weltverband ausgeschlossen wurde.
Das erste Länderspiel wurde 1924 in den Niederlanden
ausgetragen. Die Gastgeber gewannen 1:0. Als Nationalmannschaft Südafrikas
trat bis 1963 eine immer aus weißen Spielern zusammengestellte Elf auf.
Spiele wurde nur gegen europäische Mannschaften oder Gegner aus Australien
oder Neuseeland (weiße Länder) ausgetragen. Das letzte Länderspiel vor der
sportlichen Isolation fand 1954 statt. Der Gegner war Israel.
Für Schwarze verboten
Und die Schwarzen? Sie wurde vom Fußballspielen weitgehend
abgehalten; an manchen Orten wurde es ihnen sogar regelrecht verboten, was
jedoch kaum zu kontrollieren war. Immer mehr zeigten sie sich von diesem
Sport fasziniert, und es dauerte nicht lange, bis die ersten Schwarzen dem
„runden Leder“ nachjagten und Fußball zu ihrem Mannschaftssport machten.
Zum Durchbruch des Fußballs als „schwarzem“ Sport verhalf
eine ganz andere Seite: Die großen Minenbesitzer. Als an einem Sommertage
1886 zwei Goldsucher auf der Farm Langlaagte im östlichen Rand in Transvaal
Gold fanden, veränderte sich das Leben in der bis dahin armen Burenrepublik
in kürzester Zeit radikal. Nach einem kurzen anarchischen Run von
Glücksrittern zogen kapitalkräftige Magnaten das Geschäft an sich. Der
bekannteste von ihnen sollte Cecil Rhodes werden.
Sie brauchten für ihren Profit billige Arbeitskräfte und
rekrutierten sie – mit dem nötigen Druck seitens der Behörden, voran der
Steuerbehörden – unter den Schwarzen, schickten sie bei minimalem Lohn in
die gefährliche Arbeit unter Tage und pferchten sie in den Freischichten in
die unwirtlichen hostels, Junggesellenheime mit endlosen Fluren gemauerter
Schlafkauen. Unruhen und gewalttätige Auseinandersetzungen blieben nicht
aus.
Um die Aggressionen zu kanalisieren, organisierten die
Bergwerkgesellschaften Musik- und Tanzveranstaltungen und förderten neue
Sportarten wie den Fußball. Sie sollten Zerstreuung und Ablenkung vom
tristen Alltag bieten. Und dabei vergaßen sie beim Fußball eine bewährte
Strategie aller Herrscher nicht: Bring die Beherrschten gegeneinander – lass
Zulu gegen Xhosa spielen, Venda gegen Sotho usw.
Es nutzte nichts. Der Fußball fand rasch Verbreitung und
entwickelte eine Dynamik, mit der die Minengesellschaften nicht gerechnet
hatten und die auch die Politik nicht mehr zu kontrollieren in der Lage war.
In dichter Folge entstanden Klubs. Sie entwickelten ein reges soziales
Leben, das weit über das Spielfeld hinausreichte.
Die Fußballplätze wurden zu wichtigen Versammlungsorten. Es
ging dort längst nicht mehr nur um Sport und Zerstreuung, bald wurde auch
über Widerstand diskutiert. Führende schwarze Künstler, Musiker und
Intellektuelle wurden bejubelte Fußballspieler, in einer Sportart, die dem
Establishment als Proletariersport galt. Große Vereine in den Townships wie
die Orlando Pirates oder die Kaizer Chiefs, die Durbaner Bush Backs oder
Mamelodi United zogen bei ihren Spielen Zigtausende von Zuschauern an. Bis
in die 1990er-Jahre hinein, als die Apartheid zu Ende ging, boten
Fußballvereine auch eine Arena, um Selbstbewusstsein und Stärke zu
demonstrieren.
1933 wurde der Landesverband für schwarze Fußballer
gegründet, die South African Bantu Football Association (SABFA). Zuvor schon
– 1903 – hatten die Inder ihren Verband gegründet, die South African Indian
Football Association (SAIFA). 1936 folgte die South African Coloured
Football Association (SACFA). Schon vor der Institutionalisierung der
Apartheid ließen die Gesetze nur getrennt-rassische Organisationen zu.
Der große Zulauf zu den Spielen regte die Gründung einer
Profi-Liga an. 1971 wurde die National Professional Soccer League (NSPL)
gegründet, ein Gegenstück zur rein weißen Profiliga National Football League
(1959). Angelockt von den Zuschauermassen und den Einnahmen wechselten ab
1978 viele Mannschaften der weißen Liga in die NSPL. Viele ihrer Spieler
traten schwarzen Mannschaften bei, weil dort ein technisch sehr versierter
Fußball geboten wurde; das steigerte ihren Marktwert. Die Apartheidregierung
gab diesem Trend in gewissem Umfang nach. Drei „fremdfarbige“ Spieler wurden
pro Mannschaft zugelassen.
Das galt aber ausschließlich für den Profi-Fußball, nicht
aber für den Amateurbereich. 95 Prozent der Vereine waren Mannschaften im
Schul- und Amateurbereich. 1951 hatten die „nicht-weißen“ Nationalverbände
SABFA, SAIFA und SACFA sich unter dem Dach der South African Soccer
Federation (SASF) vereinigt. Sie stand allen Schwarzen, Indern und farbigen
Mannschaften offen. Eine Einbeziehung auch des weißen Verbandes war
unmöglich, einmal der staatlichen Gesetze wegen, aber auch wegen der
Einstellung des weißen Verbandes. Die SASF übernahm eine führende Rolle im
Kampf gegen die Apartheid im Sport.
Die FIFA und die Apartheid
Die FIFA nahm diese Entwicklungen zunächst nicht zur
Kenntnis, auch 1954 nicht, als mit Großbritannien auch die FASA wieder in
den Weltverband zurückkehrte. Nicht zuletzt auf Druck der Briten, dessen
Vertreter Arthur Drewry 1955 den Vorsitz der FIFA übernommen hatte, wurde
1956 der weiße Verband FASA mit Ägypten, Sudan und Äthiopien
Gründungsmitglied des Kontinentalverbandes Confederation of African Football
(CAF), der seitdem die afrikanischen Meisterschaften organisiert. Südafrika
wurde jedoch ein Jahr später aus der CAF ausgeschlossen, als es sich
weigerte, zum Afrika-Cup mit einer gemischtrassischen Mannschaft anzutreten.
In den 1950er-Jahren bis Anfang der 60er blieb die FIFA in
der Südafrika-Frage gespalten. 1961 wurde Südafrika suspendiert. Der FASA
wurde ein Jahr Zeit gegeben, die Statuten zu ändern. Das geschah nicht.
Trotzdem wurde die Suspendierung aufgehoben und Südafrika war erneut
Vollmitglied in der FIFA. Stark gemacht für die Wiederaufnahme hatte sich
der neue Präsident Stanley Rous (1961-74) aus Großbritannien, der sich wie
sein Vorgänger Landsmann Drewry (1955-61) für Südafrika einsetzte.
Doch die Welt sah nach 1960 anders aus als in den Jahrzehnten
zuvor. 1960 ging als Afrikanisches Jahr in die Geschichte ein: 17 Staaten
Afrikas erlangten allein in diesem Jahr ihre Unabhängigkeit. Drei Jahre
zuvor war mit Ghana der erste schwarzafrikanische Staat unabhängig geworden;
der damalige Präsident Kwame Nkrumah genießt bis heute hohes Ansehen in ganz
Afrika, nicht zuletzt wegen seiner panafrikanischen Ideen. Die neuen Staaten
erhoben – zumindest offiziell – die Anti-Apartheiddoktrin zum Eckpunkt ihrer
Außenpolitik. Der Druck des afrikanischen Blocks in der FIFA wuchs. Und 1964
musste Rous den Beschluss der Fifa-Versammlung unterschreiben, Südafrika aus
dem Weltfußballverband auszuschließen. Das hinderte den Präsidenten
allerdings nicht, für eine Revision des Beschlusses zu werben.
Inzwischen stieß die europäische Dominanz im
Weltfußballverband immer mehr auf Ablehnung seitens der anderen
Kontinentalverbände und deren Nationalorganisationen. Eine Vorreiterrolle
spielte dabei der südamerikanische Verband CONMEBOL/CSF (Confederación
Sudamericana de Fútbol). Südamerika hat in allen Turnieren die Hälfte der
Weltmeister gestellt, egal welchen Zeitabschnitt man auswählt. Doch es hat
bis 1960 nur zweimal das Turnier austragen dürfen: 1930 das erste in Uruguay
und 1950 das erste nach dem 2. Weltkrieg in Brasilien, als kein europäischer
Staat wieder über die nötige Infrastruktur verfügte. Ab 1960 konnte
Südamerika immerhin durchsetzen, dass die Weltmeisterschaften abwechselnd
auf dem europäischen und amerikanischen Kontinent ausgetragen wurden. 2002
kam mit der Weltmeisterschaft in Korea und Japan Asien hinzu.
In den 1960er-Jahren jedenfalls machte sich zusehends eine
anti-europäische Stimmung breit. Und die nutzte mit Beginn der 70er-Jahre
ein brasilianischer Geschäftsmann für sich aus. Joao Havelange warf seinen
Hut in den Ring und kandidierte 1974 gegen den Briten Rous um das Amt des
FIFA-Präsidenten. Er gewann.
Havelange hatte geschickt die afrikanische Karte gespielt,
eine Strategie, die auch der jetzige FIFA-Präsident Joseph Blatter unter
anderen Vorzeichen wiederholen sollte. Havelange lehnte bei seiner Bewerbung
eine Rückkehr des südafrikanischen Verbandes kategorisch ab, solange sich
der nicht von seinen rassistischen Statuten trenne. Damit stand sein
Kontrahent Stanley Rous auf verlorenem Posten und unterlag. Havelange blieb
der Präsident des Weltfußballverbandes bis 1998. Seitdem heißt der Präsident
Joseph (Sepp) Blatter.
Die Wende
In der Südafrika-Frage bewegte sich in diesem Zeitraum
nichts. Das änderte sich mit der politischen Wende in Südafrika 1990, als
Frederik Willem de Klerk die Entlassung der politischen Gefangenen und die
Aufhebung des Verbots der Anti-Apartheid-Parteien verfügte. Die politische
Großwetterlage hatte sich mit dem Ende des Ost-Westkonfliktes verändert. In
Südafrika war die Apartheid kaum durchzuhalten, auch wenn der Widerstand
noch nicht vor einem eigenen Sieg stand. Verhandlungen sollten aus der
verfahrenen Situation hinausführen.
Die Verhandlungen um die Gestaltung eines freien Südafrikas zogen sich hin
bis 1994. Der Fußball war schneller. Am 8. Dezember 1991 wurde gemeinsam von
allen rassisch getrennten Verbänden der südafrikanische Fußballverband aus
der Taufe gehoben, die South African Football Association (SAFA), ein
nicht-rassischer Fußballverband war geschaffen. 1992 wurde Südafrika mit dem
neuen Verband in die FIFA aufgenommen. Nur einen Monat später reiste die
Nationalmannschaft von Kamerun zur Feier der Vereinigung an und absolvierte
drei Spiele. Im September 1992 trat erstmals eine südafrikanische
Junioren-Elf gegen Botswana an. Seitdem meldet sich Südafrika zu jedem
Wettbewerb der FIFA oder des Afrikaverbandes CAF mit einem Team, von der
U-17 bis zu den A-Nationalmannschaften der Männer und Frauen.
In den nächsten Jahren verbuchte Südafrikas Fußball – voran
die Nationalmannschaft Bafana Bafana , die Jungs – bemerkenswerte Erfolge.
Er gewann 1996 als Ausrichter den Afrikanischen Nationen-Pokal und erreichte
zwei Jahre später in Burkina Faso das Endspiel des Turniers. Südafrika
qualifizierte sich für die WM 1998 in Frankreich und 2002 in Korea und
Japan. Auf Vereinsebene konnten 1995 die Orlando Pirates in Abijan/Elfenbeinküste
die Afrikameisterschaft der Landesmeister gewinnen, erstmals eine Mannschaft
aus dem Südlichen Afrika.
Ausblick
Mit diesen Erfolgen im Rücken kandidierte Südafrika als
Veranstalter der WM 2006. Das Land unterlag im letzten Wahlgang 2000 der
Bundesrepublik Deutschland mit 11:12 Stimmen, eine etwas dubioser Ausgang:
Der neuseeländische Vertreter hatte keine Stimme abgegeben, obwohl sein
Verband ihn auf Südafrika verpflichtet hatte. Bei einem Patt hätte
FIFA-Präsident Blatter den Ausschlag gegeben, und der hatte sich für
Südafrika ausgesprochen. Blatter setze im Gegenzug eine Satzungsänderung
durch: Die Weltmeisterschaften sollen fortan über die Kontinente rotieren,
also kein globaler Wettbewerb mehr ausgetragen werden, der die Kandidatur
weniger gut situierter Länder auf den nicht-europäischen Kontinenten oft
aussichtslos gemacht hat. Auf diese Weise sicherte sich der nicht
unumstrittene Präsident des Weltfußballverbandes – wie schon sein Vorgänger
Havelange – die Stimmen Afrikas. Blatter trug damit aber auch den
Veränderungen auf dem Globus Rechnung – Europa ist nicht mehr der Nabel der
Welt.
Das war Südafrikas Stunde. Bei der Entscheidung über die WM-Vergabe am 15.
Mai 2004 setzte sich Südafrika gegen Marokko und Ägypten durch; in der
Endrunde obsiegte Südafrika mit 14:10 Stimmen gegen Marokko. Die gemeinsame
Bewerbung von Tunesien und Libyen war abgelehnt worden, weil Libyen eine
Zulassung Israels nicht einmal zur Vorrunde zulassen wollte. Südafrika hat
sicher auch davon profitiert, dass es Afrika Südlich der Sahara zugerechnet
wird und von den Verbänden dieser Staaten dem nordafrikanischen Marokko
vorgezogen wurde.
Welche Figur wird Südafrika machen bei der Weltmeisterschaft
im eigenen Land? Euphorie und Begeisterung lassen sich nicht einpökeln und
konservieren, sie waren spätestens 2000 verflogen. Die südafrikanische
Mannschaft befindet sich in einem schlechten Zustand.
Manche Zeitungskommentatoren fordern einen neuen Namen.
Bafana Bafana, das klinge in der Verdopplung eher nach „Kleine Jungs“. Wie
anders klänge da etwa Brave Warriers, wie sich die Mannschaft des Nachbarn
Namibia nennt; sie schaffte allerdings nicht die Qualifikation für die WM
2010.
Treffender wäre es vielleicht, das Doppel-Bafana mit „grüne
Jungs“ wiederzugeben. Dem jungen Verband fehlt noch das Zeug und die
organisatorische Expertise, auf internationalem Parkett mitzuhalten. Und
wäre die Mannschaft Südafrikas seit Ende der 1990er-Jahre nicht so von der
Rolle, sie hatte das Zeug zum Einzug ins Endspiel im eigenen Land. So oder
ähnlich enden bekanntlich die Märchen. Aber endete nicht die WM 2006 in
einem deutschen Sommernachtstraum?