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Die Fußball-WM 2010 in Südafrika ist vorbei. Für uns gilt
es, Bilanz zu ziehen. Was hat die WM der südafrikanischen Bevölkerung
gebracht? Wer hat von der WM profitiert? Was haben wir erreicht? Was bleibt
zu tun? Und: Was wird die WM 2014 in
Brasilien bringen? Dazu fand im
September 2011 bereits ein Seminar statt.
Was hat die WM der südafrikanischen Bevölkerung gebracht?
Im Vorfeld der Fußball-WM in
Südafrika gab es vereinzelt Stimmen die zu bedenken gaben, dass das Geld für
neue Stadien vielleicht besser in die Bildung oder in den Hausbau für arme
Bevölkerungsgruppen investiert werden sollte. Bereits vor der WM zeichnete
sich ab, dass ein Großteil der südafrikanischen Bevölkerung, unter anderem
Kleinhändler/-innen und informelle Straßenhändler/-innen, wirtschaftlich
nicht von der WM profitieren würden. Gut ein Jahr nach der WM fällt die
vorläufige Bilanz entsprechend ernüchternd aus. Der südafrikanische Staat
hat mehr als 3,2 Milliarden in Stadien, Telekommunikation und in die
Verkehrsinfrastruktur gesteckt. Analysten rechnen damit, dass nur etwa 1,3
Milliarden Euro durch die ausländischen Besucher in die Wirtschaft
zurückgeflossen sind (FAZ vom Juli 2010). Einige der Arenen von Kapstadt bis
Nelspruit werden wohl nie mehr gefüllt werden. Den Rest der Rechnung trägt
damit die südafrikanische Bevölkerung.
Rückblickend auf die erste
Fußballweltmeisterschaft auf afrikanischem Boden werden damit Fragen und Zweifel
laut, ob dieses Megaevent seinen hohen Erwartungen gerecht werden konnte.
Die Tatsache, dass Südafrika als Schwellenland ein unüblicher Gastgeber war,
änderte nichts an den strengen Vorgaben der FIFA und so musste mit aller
Kraft dafür gekämpft werden, die gestellten Bedingungen zu erfüllen – ohne
Rücksicht auf Verluste.
Südafrika schaffte es, Straßen
und Stadien entgegen aller Bedenken zum WM-Beginn fertig und ausreichend
Sicherheitspersonal während der Spiele zur Verfügung zu stellen. Man behielt
die Kontrolle und vermied Zwischenfälle. Der immaterielle Nutzen, den
Südafrika aus der WM ziehen konnte, bietet Grund zur Freude. Den häufig
üblichen Assoziationen wie Armut, Kriminalität und HIV/AIDS stehen Dank der
positiv verlaufenen WM Aspekte wie Lebensfreude, Begeisterung und
Zusammenhalt gegenüber. Südafrika präsentierte sich der Welt farbenfroh und
friedlich und konnte dem afrikanischen Kontinent so ein neues Image
verleihen. Das neue Selbstbewusstsein und der Stolz, es der Welt gezeigt zu
haben, lösten eine große Euphorie aus.
In dem Land, in dem sich nur
schleppend ein höherer Bildungsstandard einstellt, wurden während der WM die
Schulen geschlossen. Viele Menschen mussten aufgrund von Zwangsumsiedlungen
ihre gewohnte Umgebung verlassen, Bettler sowie Straßenkinder wurden in so
genannten „Städtesäuberungen“ vertrieben und lokale Straßenhändler durften
sich in einem festgelegten Umkreis nicht den Stadien nähern. Das Problem der
Ungleichheit war allgegenwärtig.
Wer hat von der WM profitiert?
Ob man die WM in Südafrika jedoch als Erfolg bewerten
kann, kommt ganz auf den Blickwinkel an. Die FIFA ist unterm Strich als
klarer Sieger aus diesem Wettbewerb hervorgegangen. Mit einer
Gewinnsteigerung von rund 50% im Vergleich zur WM 2006 in Deutschland
verzeichnete sie die finanziell erfolgreichste Fußballweltmeisterschaft
jeher.
Was haben wir erreicht?
Mitte Januar haben wir Antwort von der
FIFA erhalten. Immerhin, denn die beiden Briefe aus den Jahren zuvor zur WM in Südafrika
blieben unbeantwortet.
Für Brasilien verspricht die FIFA, das
Thema der städtischen Händler und Händlerinnen zu thematisieren.
Für Südafrika behauptet sie, dies ebenfalls gemacht zu haben - allerdings nicht
mit denen, die Nachahmerprodukte der lizenzierten FIFA-Produkte
verkaufen wollten. Aber genau das war ein Teil des Problems: zu wenig und zu
späte Kommunikation und Einbeziehung der lokalen Interessengruppen, unter ihnen
auch die informellen StraßenhändlerInnen.
Für Südafrika hat die FIFA im
Dezember 2010 eine Stiftung (2010 FIFA World Cup Legacy Trust for South
Africa) ins Leben gerufen, welche mit 100 Mio. US-Dollar dotiert ist. Diese
soll Initiativen zur Fußballförderung, Bildung, Gesundheit und humanitärem
Engagement unterstützen. Ob es so einen Schritt ohne die
Kampagnenaktivitäten weltweit geben hätte? Doch auch hier gibt es
Verzögerungen. Erst seit Juli 2011 scheint Bewegung in die Sache zu kommen.
Und schon hat sich der zugesagte Betrag um 25 Mio. US-Dollar verringert, da
aus den Geldern nachträglich der Bau des SAFA-Hause (SA Football
Association) und der Kauf von 50 Bussen für die SAFA finanziert werden muss.
Verwaltet wird der Trust von vier SAFA- und zwei FIFA-Vertretern aber nur
zwei unabhängigen Vertretern. Wir befürchten nun, dass nur (semi-)professionell
fußballspielende StraßenhändlerInnen potentiell in den Genuss des
Fondsinvestitionen gelangen können.
Wie geht es weiter?
Im Zentrum stehen nun die Perspektiven für die WM 2014 in
Brasilien. Welche Erwartungen knüpfen die Menschen in Brasilien an die WM?
Welche Probleme zeichnen sich bereits ab?
Im Brasilien hat bereits eine Debatte über die bisher
fehlende Einbeziehung zivilgesellschaftlicher Gruppen und Gewerkschaften
begonnen. Es gibt erste Berichte von Zwangsräumungen in Rio de Janeiro, Sao
Paulo und Porto Alegre, einigen der 12 WM-Austragungsorte.
Die Kampagnen zur WM in Südafrika wurden an den
brasilianischen Gewerkschaftsdachverband CUT und die Bau- und Holzarbeiter
Internationale BWI "übergeben". Letztere startete im April 2011 gemeinsam
mit anderen brasilianischen Gewerkschaften die Kampagne »fair games fair
play«, die sich auch in Brasilien für menschenwürdige Arbeitsbedingungen
einsetzt.
Auch die südafrikanische "World Class Cities for All"
Initiative hat bereits den Stab der Kampagne nach Brasilien weitergereicht.
(
http://www.streetnet.org.za/?p=706 ). Diese Initiative ist Teil einer
internationalen Kampagne und wurde in Südafrika 2006 durch StreetNet
International initiiert. Die Kampagne setzt sich für ein umfassendes
Stadtentwicklungskonzept ein, das insbesondere die Belange von
StraßenverkäuferInnen und anderen armen städtischen Randgruppen
berücksichtigt.
Mit dem
Seminar im September
2011 haben wir erste Anstöße für Kampagnenüberlegungen deutscher
Initiativen und NRO geben - unter Einbeziehung unserer Erfahrungen im Rahmen
der „kick for one world“-Kampagne zu Südafrika. Wie könnte
zivilgesellschaftliches Engagement (Bildungs-, Informations- und
Kampagnenarbeit) in Deutschland hierzu aussehen und dazu beitragen, dass
auch arme/benachteiligte Bevölkerungsgruppen in Brasilien von der WM
profitieren und damit an Entwicklungsprozessen partizipieren?
mehr dazu
Die Implementierung des "2010 FIFA World Cup Legacy Trust for South
Africa" weist bereits jetzt Schwächen auf. Gemeinsam mit unseren Partnern
werden wir den Umgang mit den bereitgestellten Geldern beobachten.
Auch die Antwort der FIFA kann nicht recht befriedigen.
Wir haben den Brief an die südafrikanischen und brasilianischen Kolleginnen
und Kollegen weitergeleitet und hoffen, hier bald Rückmeldung zu bekommen, um
gemeinsam einen weiteren Schritt gehen zu können.
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