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Erlernt, verübt, verschwiegen

Gewalt als Erbe von Apartheid

Von Rita Schäfer

In Südafrika werden jährlich über 52.000 Vergewaltigungen registriert, die Dunkelziffer ist weitaus höher. Gleichzeitig ist Südafrika Spitzenreiter in den international vergleichenden Statistiken zu häuslicher Gewalt und Morden. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie nachhaltig sich gewaltgeprägte Herrschaftsformen aus der Zeit der Apartheid auf jetzige dominante Männlichkeitsbilder auswirken.

 

Vor drei Jahren sorgten Vergewaltigungsvorwürfe gegen den mittlerweile amtierenden südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma für Schlagzeilen. 2006 wurde er in einem fragwürdigen Prozess freigesprochen. Julius Malema, der Chef der ANC Youth League, bagatellisierte Anfang 2009 Vergewaltigungen und diffamierte die Opfer. Er zweifelte die traumatischen Folgen von Vergewaltigungen an. Das zeugt von einer Gewaltakzeptanz, die dem juristischen Anspruch des jungen südafrikanischen Staates auf Gleichberechtigung und Schutz vor Vergewaltigung widerspricht. Die Verharmlosung von Vergewaltigungen ist zugleich Ausdruck eines Männlichkeitskonzeptes, das Gewaltstrukturen aus der Zeit der Apartheid unter neuen Vorzeichen fortführt. Unabhängig davon, dass viele SüdafrikanerInnen anders denken und handeln und einige mutige Initiativen gegen jegliche Formen der Gewalt antreten, sind Gewaltkonzepte noch immer strukturell tief in die Männerbilder der Gesellschaft eingeschrieben.

Während der Apartheid (1948-1994) bildeten Polizeiwillkür, rassistische Gesetze und vielfältige Formen struktureller Gewalt den Rahmen für die Akzeptanz von Gewalt als Machtmittel in allen Lebensbereichen. Diese Entwicklung baute auf die gewaltgeprägte koloniale Siedlerherrschaft ab Mitte des 17. Jahrhunderts auf. Damals etablierten die Weißen insbesondere auf den Farmen ihre Vormachtstellung durch Auspeitschungen und Ausbeutung. Vergewaltigungen von Farmarbeiterinnen aus den lokalen Gemeinden und Sklavinnen aus Südostasien und Ostafrika waren an der Tagesordnung. Aber auch weiße Hausherrinnen wurden Opfer häuslicher Gewalt. Während der Apartheid verzeichneten die Buren bei Frauen- und Familienmorden internationale Negativrekorde, wobei die gemeldeten Straftaten nur einen Bruchteil der real verübten Verbrechen darstellten. Bis 1984 galten weiße Frauen nicht als eigenständige Rechtspersonen. Sie waren in jeder Hinsicht von ihren Ehemännern oder Vätern abhängig. Zahlreiche Soldaten, Polizisten und Aufseher in Minen kamen von heruntergewirtschafteten Farmen, wo körperliche Gewalt zur Aufrechterhaltung der männlich dominierten, rassistischen Ordnung diente.

 

Gewalt in den Minen

Im 20. Jahrhundert beschränkten Apartheid- und Homelandpolitik, rigide Passgesetze und umfangreiche Landenteignungen die wirtschaftliche Eigenständigkeit der schwarzen Bevölkerungsmehrheit immer drastischer. Schwarze Männer wurden gezwungen, Arbeiter in Gold- und Kohleminen zu werden1. Sie wurden nach Ethnien getrennt und in kasernenartigen, totalitär überwachten Wohnheimen untergebracht. Besuche von Ehefrauen und Familien waren gesetzlich verboten. Mindestens vier, oft acht oder mehr Männer mussten in einem kleinen Raum wohnen. So wurde ihnen jede Privatsphäre genommen. Die sanitäre Ausstattung war mangelhaft. Die weit verbreiteten Lungenerkrankungen resultierten vor allem aus den miserablen Arbeitsbedingungen unter Tage, denn die Minenbetreiber investierten weder in Schutz- noch in Sicherheitsmaßnahmen. Immer wieder gab es schwere Unfälle mit zahlreichen Verletzten und Toten.

Ausbeutung und Gewaltstrukturen wurden unter Tage durch weiße Vorarbeiter personifiziert, die mehrheitlich der verarmten und ungebildeten burischen Unterschicht angehörten. Zur Kompensation ihres eigenen rangniedrigen Status in der weißen Gesellschaft wandten zahllose Vorarbeiter systematisch Auspeitschungen und Misshandlungen an, die sie während ihrer Sozialisation auf den Farmen erlernt hatten. Auch die Anweisung, in wenig abgesicherten Stollen zu arbeiten, zählte zu ihren Schikanen. Zur Etablierung der rassistischen Hackordnung und der alltäglichen Entwürdigung schwarzer Wanderarbeiter gehörte deren Anrede als »Boys«, als unmündige Jungen. Insbesondere ältere Männer, die selber Väter waren, fühlten sich durch diese Form der Respektlosigkeit entehrt. Für erwachsene Afrikaner waren zudem die öffentlichen Entkleidungen und Körperinspektionen während häufig durchgeführter »Tauglichkeitstests« demütigend, weil sie ihr Schamgefühl zutiefst verletzten. Gegenwehr war nahezu unmöglich: Gewerkschaftsarbeit wurde ab 1946 mit drakonischen Strafen belegt und regimekritische politische Gruppen 1960 verboten.
Erholung von der Arbeit und Regenerationsmöglichkeiten gab es für die schwarzen Minenarbeiter kaum. Wegen der Zuzugsbeschränkungen in die weißen Städte war es schwarzen Frauen verboten, dort zu leben. Illegale Stadtbewohnerinnen konnten jederzeit inhaftiert werden. Es gab kaum Prostituierte, den wenigen SexarbeiterInnen wurde zudem kategorisch unterstellt, Geschlechtskrankheiten zu übertragen. Junge Wanderarbeiter hingegen galten als ungefährliche Sexualpartner. So mussten junge Männer häufig für Ältere waschen, kochen und ihnen sexuell zu Diensten sein, obwohl sie durch voreheliche sexuelle Kontakte mit Mädchen in ihren Herkunftsgebieten bereits an die vorherrschende dominante Männerrolle gewöhnt waren und homosexuelle Kontakte tabuisiert wurden. Etliche junge Männer erhielten finanzielle Gegenleistungen von den Älteren; so konnten sie Geld für die eigenen Brautpreiszahlungen ansparen. Diese waren die Voraussetzung für die spätere Eheschließung mit einer Frau in den Homelands und die soziale Anerkennung als erwachsener Mann. Für eine unbekannte Zahl junger Männer waren die Übergriffe extrem traumatisierend. Viele Wanderarbeiter orientierten sich zunehmend an Maskulinitätskonzepten, die durch die Machtbeziehungen zwischen Männern in den Minen mitgeprägt wurden. Nicht nur das mutige Ertragen von Gefahren als Minenarbeiter wurde zum Inbegriff neuer Männlichkeitsideale. Hierzu zählten auch zahlreiche sexuelle Kontakte und besitzergreifende Sexualität, insbesondere gegenüber Frauen und Mädchen während eines Heimaturlaubs.

 

Verhöhnte Weiblichkeit...

Diese strukturellen Gewaltpotenziale haben dazu geführt, dass Konflikte aus den Minen bis in die Homelands getragen wurden. Aufgrund der fehlenden Möglichkeit, die erlebten Traumata zu verarbeiten, traten viele Männer als ältere Ehemänner gewaltsam gegenüber ihren Ehefrauen auf. Der Verdienst der meisten Wanderarbeiter war so gering, dass sie ihre familiären Versorgungspflichten nur unzureichend erfüllen konnten. Hierdurch eskalierten häufig Ehekonflikte, weil Landenteignungen und Zwangsumsiedlungen im Rahmen der Homelandpolitik den Frauen systematisch die Grundlagen zur eigenen Existenzsicherung entzogen hatten. Dadurch wurden sie zunehmend von den geringen und unregelmäßigen Geldsendungen ihrer Ehemänner abhängig. Zudem entfremdeten sich viele EhepartnerInnen während der langjährigen Trennung voneinander. Manche Wanderarbeiter fürchteten, ihre Ehefrauen seien während ihrer Abwesenheit untreu geworden. Ihr Misstrauen wurde gelegentlich durch Unterstellungen männlicher Nachbarn und Verwandter geschürt. Zahlreiche Männer versuchten, ihre Reputation und ihre eheliche Autorität mit körperlicher Gewalt wiederherzustellen. Gleichzeitig verloren die einkommensschwachen und oft frühzeitig gebrechlichen Väter ihre Vorbildfunktion gegenüber ihren heranwachsenden Söhnen, Generationenkonflikte eskalierten. Das zeigte sich im steigenden Alkoholkonsum, in besitzergreifender Sexualität und verstärkter Kampfbereitschaft der Jungen. Viele junge Männer fanden keine Arbeit und sahen kaum eine Chance, auf legalem Wege ihre Männlichkeit zu beweisen.

In Folge der Weltwirtschaftskrise, die südafrikanische Minenstädte in den 1930er Jahren erfasste, formierten sich dort kriminelle Banden. Ihre Macht wurde durch die repressiven Rassentrennungsgesetze gefördert, denn Zwangsumsiedlungen zerrissen familiäre und nachbarschaftliche Bindungen. Desorientierung und existentielle Unsicherheit betrafen vorrangig junge Männer. Darüber hinaus erschwerten räumliche Enge, instabile Ehen und häusliche Gewalt sowie mangelnder emotionaler Rückhalt den Alltag zahlloser Jugendlicher. Lokale Banden, die durch Raub, Diebstahl oder Hehlerei ihr Einkommen sicherten, ermöglichten jungen Männern, den Status von Erwachsenen zu erwerben – oder sich erwachsen zu fühlen. Zu ihrer Neudefinition von Männlichkeit dienten Kampfbereitschaft und ein neuer Kleidungsstil. Die Anerkennung durch Gleichaltrige und Loyalität gegenüber der eigenen »Gang« sorgten für Zusammenhalt. Sie entwickelten ein eigenes männliches Sozialprestige, das »Gang-Leader« zu Idolen machte, zumal diese sich der unterdrückerischen Arbeitswelt der Weißen verweigerten. Männer, die für wenig Geld bei Weißen arbeiteten, wurden oft als »verweiblicht« verhöhnt. Vor allem männliche Hausangestellte wurden verachtet, weil sie weißen Frauen zu Diensten sein mussten und beispielsweise ihre Wäsche wuschen.
»Gang«-Mitglieder bezogen ihr maskulines Selbstbewusstsein aus Gebietskontrollen, der Vormachtstellung gegenüber anderen »Gangs« und aus der Kontrolle über Frauen und Mädchen. Diese Ausrichtung prägte den Gruppendruck, mit dem die Ein- und Unterordnung in die Hierarchien einer »Gang« gefordert wurde. Gewaltsame Initiationsriten wurden zu Eckpfeilern einer neuen männlichen Identität; dabei wurden strikte Verhaltensregeln, die beim Kräftemessen im Rahmen traditioneller Initiationen schwere Körperverletzungen verhindert hatten, durchbrochen. Beziehungen mit möglichst vielen jungen Frauen galten fortan als Statussymbol, emotionale Bindungen hingegen als Zeichen von Schwäche. Die Gewaltakte der »Gangs« waren gerahmt von den in allen Lebensbereichen verankerten, politisch aufgeladenen Gewaltstrukturen und einer weit verbreiteten Polizeiwillkür. Schwarze Jugendliche wuchsen damit auf, dass Sicherheitskräfte ihre Familienangehörigen grundlos verhafteten oder umbrachten. Hierdurch lernten sie die Brutalität als einziges Machtmittel kennen. Schon Kinder gerieten unter Generalverdacht und wurden Opfer des grausamen Sicherheitsapparats, der auch sexualisierte Folter als »Ermittlungsmethode« einsetzte.

 

...und kampfbereite Männlichkeit

In einzelnen Wohngebieten der schwarzen Bevölkerung gab es wiederholt Initiativen, um die Macht der »Gangs« einzuschränken. Sie wurden unter anderem von politisch aktiven Jugendlichen während des Soweto-Aufstands 1976 und der politischen Mobilisierung in den 1980er Jahren getragen. Die SchülerInnen von Soweto protestierten vor allem gegen die »Bantu-Education«, die ihnen nur eine rudimentäre Bildung zugestand. Zudem mobilisierten die eskalierenden sexuellen Belästigungen von Schülerinnen durch »Gangs« deren männliche Mitschüler. Die »Gangs« wollten die Eigenständigkeit der Mädchen vereiteln. Gleichzeitig zweifelten sie die Männlichkeit der protestierenden Schüler an, indem sie deren Schwestern oder Freundinnen belästigten. Dem versuchten die Schüler- und Studentenorganisationen Einhalt zu gebieten. Die Ursachen der sexualisierten Gewalt erkannten sie jedoch nicht in Männlichkeitsmustern, vielmehr ordneten sie diese Probleme dem politischen Kampf unter.

Das betraf auch die politischen Bewegungen der 1980er Jahre, die Geschlechterhierarchien unangetastet ließen und sich auf den Widerstand gegen die Apartheid konzentrierten. Für das Männlichkeitskonzept der jungen Aktivisten in den Jugendverbänden des ANC oder ANC-naher Organisationen war ein martialisches Auftreten als Widersacher des Apartheidstaates maßgeblich. Sie bezogen ihr Selbstverständnis aus entschlossener Kampfbereitschaft. Entgegen ihrer emanzipatorischen Postulate war auch ihnen die Kontrolle über Frauen und Mädchen wichtig. Selbst im Kampf zwischen dem ANC und der als regimetreu eingestuften Inkatha zählten Übergriffe auf Mädchen, die dem jeweiligen Feind zugerechnet wurden, zur Strategie politisch aktiver junger Männer. Sicherheitskräfte schürten diese Konflikte, indem sie Inkatha-Anhänger gegen die ANC-AktivistInnen aufhetzten und die Macht der »Gangs« weitgehend duldeten. Zudem wurden zahlreiche junge RegimegegnerInnen insbesondere in Folge des 1986 verhängten Ausnahmezustands verhaftet. All das brach den Widerstand gegen die »Gangs«.

 

Kontinuität durch »Gangs«

Nach dem Ende der Apartheid wurden etliche politische Aktivisten mit wenigen, schlecht geplanten Bildungsprogrammen abgespeist, die ihnen weder berufliche Einstiegsmöglichkeiten noch Zukunftsperspektiven boten. Deshalb fühlten sie sich von der neuen schwarzen Elite verraten, die vorrangig von vergleichsweise gut ausgebildeten Rückkehrern aus dem Exil gestellt wurde. Einige frühere politische Kämpfer schlossen sich den »Gangs« an, um sich Respekt zu verschaffen und die eigene Männlichkeit zu bestätigen. Unter veränderten politischen Rahmenbedingungen setzen »Gangs« bis heute unterschiedliche Gewaltformen als Machtmittel ein, wodurch sie Dominanz zelebrieren und Gruppenzusammenhalt festigen. Hierzu zählen Vergewaltigungen, die vorrangig dazu dienen, die eigene maskuline Überlegenheit zu beweisen.

Die systematisch angewandte sexualisierte Gewalt der »Gangs« illustriert die große Kluft zwischen den neuen Gewaltschutzgesetzen in Südafrika und deren begrenzter Umsetzung. Im Zuge der politischen Wende hatten Frauenrechtlerinnen durchgesetzt, dass Geschlechtergleichheit in der Verfassung verankert und Gesetze zur strafrechtlichen Verfolgung von häuslicher und sexualisierter Gewalt erlassen wurden. Diese neuen Rechtsgrundlagen haben die Lebensrealität von Frauen und Mädchen jedoch kaum verbessert. Vielmehr fühlen sich zahllose Männer durch die umfassenden Reformen in ihrem Selbstverständnis tief verunsichert. Trotz staatlicher Vorgaben zum Gender-Mainstreaming wurden sie nicht aktiv an den Umstrukturierungen beteiligt. Dies ist eine Erklärung, warum nun viele Männer versuchen, ihre Vormachtstellung in der Privatsphäre gewaltsam zu bewahren und Gewaltakte als Beitrag zur Wiederherstellung von Ordnung rechtfertigen. Das betrifft auch die Machtansprüche von Männern bei sexuellen Fragen. Zahlreiche Frauen sind deshalb zurückhaltend, ihre Partner zur Anwendung von Kondomen aufzufordern, weil sie mit körperlicher Gewalt rechnen müssen. So tragen nicht nur Vergewaltigungen, sondern auch Gewaltmuster in Partnerschaften zur Verbreitung von HIV-Infektionen bei.

Diese Wechselwirkungen zwischen geschlechtsspezifischer Gewalt und HIV/Aids betreffen keineswegs nur die Privatsphäre. Vielmehr spiegeln sie die gesellschaftliche Akzeptanz von Gewalt, Geschlechterhierarchien und die fragwürdige AIDS-Politik der ANC-Regierung unter Thabo Mbeki (1999-2008) wieder. Und auch unter der amtierenden Zuma-Regierung bedienen einige ranghohe ANC-Politiker sexistische Einstellungen. Dies erschwert gesellschaftliche Diskussionsprozesse und individuelle Verhaltensänderungen, denn zahllose Männer fühlen sich in ihrem eigenen Handeln bestätigt. Beispielsweise gibt es viele Lehrer, die Schülerinnen vergewaltigen, schwängern und mit HIV infizieren, ohne disziplinarisch belangt zu werden. Bereits 1998 waren über 37 Prozent aller Mädchen, die eine Strafanzeige stellten, von ihren Lehrern vergewaltigt worden. Nur einzelne Täter wurden verurteilt. 2008 waren schätzungsweise 30 Prozent aller vergewaltigten Schülerinnen von ihren eigenen Lehrern missbraucht worden. Kinderrechtsorganisationen gehen davon aus, dass im Jahr 2009 höchstens neun Prozent solcher Vergewaltigungen polizeilich registriert werden und nur vier Prozent der beschuldigten Lehrer mit einem Strafverfahren rechnen müssen. Sie führen ihren Schülern vor, dass Vergewaltigungen männliche Machtmittel sind, die meist ungestraft bleiben.


Anmerkung

1 1940 waren 250.000 Männer in den Minen tätig, 1990 arbeiteten über 500.000 Afrikaner als Minenarbeiter.

 

 

 

Gegen Männergewalt: Das Sonke Gender Justice Network

Das herrschende Männerbild in Südafrika bleibt nicht unwidersprochen: Das Sonke Gender Justice Network prangert sexistische Äußerungen von Politikern als unvereinbar mit der südafrikanischen Verfassung an. Lokale politische und religiöse Autoritäten werden angemahnt, in ihren Gemeinden die Gewalt nicht länger zu dulden. Das schließt auch klare Forderungen an die Polizei und Justiz ein, Täter strafrechtlich zu verfolgen. Zudem fordert Sonke einen grundlegenden Verhaltenswandel von Lehrern. Dazu zählen die Rechenschaftspflicht und Sanktionen durch die zuständigen staatlichen Stellen.

Die Initiative geht zurück auf Bafana Khumalo, einen früheren Anti-Apartheid-Kämpfer und Pastor der Lutherischen Kirche, und auf Dean Peacock, der 1985 die Zwangsrekrutierung in die südafrikanische Armee verweigerte und in den USA und in Lateinamerika Kontakte mit dortigen Männerorganisationen aufbaute. Mit einem Team früherer politischer AktivistInnen, Gender- und GesundheitsexpertInnen, Fachleuten aus der Jugendarbeit und zahlreichen Freiwilligen entwickelt Sonke innovative Ansätze zum Einstellungs- und Verhaltenswandel von Männern und Jungen. Insbesondere die früheren Anti-Apartheid-Kämpfer, die teilweise selbst lange Jahre inhaftiert waren, haben großes Ansehen bei Jugendlichen. Sie betonen, sie hätten nicht dafür gekämpft und Folter ertragen, damit nun weiterhin Gewalt das gesamte Alltagsleben beherrscht und Männlichkeit bestimmt. Mit der Kampagne »One man can« (jeder Mann kann sich ändern) im Großraum von Kapstadt und Johannesburg sowie in früheren Homelands werden Männer und Jungen angesprochen.

Insbesondere die Arbeit mit Peer-Gruppen dient der Aufarbeitung der Gewalt, wenn zum Beispiel Jugendliche durch digitales Geschichtenerzählen ihre Erfahrungen artikulieren. Durch Fotografieren können Jugendliche ihren vielerorts von Gewalt geprägten Alltag nicht nur abbilden, sondern lernen, ihn kritisch zu hinterfragen. Auf diese Weise eignen sich Jungen und Mädchen in Teamarbeit eigene Medienkompetenzen an und sind nicht länger passive KonsumentInnen, etwa von Gewalt verherrlichenden Filmen.

Mit HIV-Präventionsprogrammen, die Männer zu verantwortungsvollem Sexualverhalten motivieren und dabei gezielt männliche Selbstbilder berücksichtigen, wird zugleich für einen Wandel von Männlichkeitsbildern sensibilisiert. Vor allem im Bereich der politischen Lobby- und Advocacy-Arbeit kooperiert Sonke mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen, etwa mit den Aids-AktivistInnen der Treatment Action Campaign, mit Kinderorganisationen wie Childline und dem Zusammenschluss von Frauen- und Lesbenorganisationen, Triple Seven Campaign. Ausdrücklich versteht sich Sonke als Allianzpartner im Kampf für Frauen-, Kinder- und Homosexuellenrechte. Solche breiten Bündnisse sind notwendig, um die historisch bedingte Gewaltprägung der südafrikanischen Gesellschaft zu überwinden und die Regierung immer wieder zum Handeln aufzufordern.

Rita Schäfer, www.genderjustice.org.za

 

 

Filmmakers Against Racism

Im Mai 2008 flohen mehrere Tausend MigrantInnen aus ihren Häusern in Flüchtlingscamps oder ganz aus dem Land, aus Angst vor xenophoben Übergriffen, nachdem in den Townships rund 60 Menschen infolge von Gewaltverbrechen zu Tode gekommen waren. Im gleichen Monat gründete eine Gruppe südafrikanischer Filmschaffender die Initiative Filmmakers Against Racism (FAR). In neun Videos haben sie einzelne Geschehnisse dieser Tage und persönliche Geschichten von Tod, Vertreibung und Enttäuschung von MigrantInnen dokumentiert, die aus Somalia, dem Kongo oder Mosambik mit der Hoffnung nach Südafrika kamen, hier ein Auskommen zu finden. Die FilmemacherInnen zeigen mit der DVD »Reflecting on Xenophobia« vor allem auch, wie viele SüdafrikanerInnen und TownshipbewonerInnen die Gewalttaten selber beschämend finden und scharf verurteilen. Insofern wenden sich die Videos gegen die Vorstellung, der Fremdenhass sei einzig ein Problem unter den Armen, und nationalistisches Denken als Motiv für Gewalttaten ein Merkmal derjenigen, die um knappe Ressourcen konkurrieren.

Erklärtes Ziel der Filmmakers Against Racism ist es, den Gewalttaten weiter auf den Grund zu gehen und den MigrantInnen Gehör zu verschaffen. Die Videos erlauben kurze Einblicke in ihr Leben – meist eines ohne Papiere. Vermittelt wird mitunter, die Apartheid sei in den sozialen Raum der Hüttensiedlungen zwischen SüdafrikanerInnen und Nicht-SüdafrikanerInnen verschoben worden. Zugleich dokumentieren die FilmemacherInnen solidarisches Handeln aus der Mitte des Alltags der HüttenbewohnerInnen. In einer Situation von Fassungslosigkeit über die Gewaltereignisse kommen südafrikanische Nachbarn zu Wort, die Gewalttäter strikt verurteilen und zudem ihre Enttäuschung über das Verhalten der Polizei äußern. Viele erklären, dass ihnen allen gleichermaßen soziale Sicherheit verweigert wird. Doch, auch das zeigen die Videos, das Ausmaß polizeilicher Willkür gegenüber denjenigen, die ohne Pass und Papiere hier leben, ist ungleich höher. Ihre Schutzlosigkeit gegenüber Gewaltübergriffen und Rechtsverletzungen – ob durch staatliche AkteurInnen oder von Seiten südafrikanischer Nachbarn, sind für die Initiative eine Sache, die alle angeht: FAR versteht das Projekt als Mobilisierung gegen den Fremdenhass. »Außerdem möchten wir mit den Dokumentarfilmen daran erinnern, dass wir lange und hart darum gekämpft haben, die brutalen Kräfte des Rassismus in Südafrika zu überwinden. Wir können nicht zulassen, dass der Rassismus uns erneut besiegt,« erklärte Rehad Desai, Gründungsmitglied der Initiative, auf dem Internationalen Forum des jungen Films. Die Filme werden über Community TV in Südafrika ausgestrahlt.


Martina Backes

Statements der Filmschaffenden unter: http://www.proudafrican.org/  und
http://filmmakers-against-racism.blogspot.com/

Rita Schäfer ist Autorin der Bücher: Im Schatten der Apartheid (2008) und Frauen und Kriege in Afrika (2008).
 


Quelle: iz3w 317 (Januar/Februar 2010), www.iz3w.org

   
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