Die
Gewerkschaftsbewegung in Südafrika hat sich nach dem Ende der
Apartheid 1994 zunehmend gespalten. Mit den Protesten gegen die
Vertreibungen von StraßenhändlerInnen in den Großstädten im Vorfeld
der WM traut sich der an der Regierung beteiligte Gewerkschaftsverband
COSATU wieder an die Basis. Ob er aus alten Fehlern lernt, bleibt
abzuwarten.
In den 1970er und 80er Jahren spielten die Gewerkschaften in Südafrika
im Kampf für soziale Gerechtigkeit und politische Gleichheit eine
wichtige Rolle. Nach den Streikwellen von 1973 wurden die unabhängigen
Gewerkschaften der »schwarzen« ArbeiterInnen gegründet. Sie waren
unter anderem in den Sektoren Metall, Automobil, Textil, Bergbau,
Nahrung und Konservenherstellung aktiv. 1985 schlossen sie sich zum
Verband Südafrikanischer Gewerkschaften (COSATU) zusammen, der ein
mächtiger Gegenspieler des Apartheid-Regimes wurde. Während der
verbotene African National Congress (ANC) seinen Kampf aus dem Exil
weiter führen musste, hatte COSATU de facto die Führung des
Anti-Apartheid-Kampfes übernommen und zusammen mit anderen
Organisationen aus der Befreiungsbewegung 1994 den Fall des
rassistischen Regimes erwirkt.
Für COSATUs Erfolgsgeschichte waren damals zwei strategische
Entscheidungen wichtig: Der Gewerkschaftsverband machte sich vom ANC
unabhängig. Zudem knüpfte er im Kampf gegen das Apartheid-Regime enge
Allianzen mit Basisorganisationen in den Gemeinden. In den 1950er und
60er Jahren war die Arbeiterbewegung weitgehend den Richtlinien des
ANC gefolgt und hatte eher wie eine politische Partei funktioniert.
Die Gewerkschaften mussten sich schließlich mit ihrer Rolle
auseinandersetzen, wollten sie ihre eigenen Schwerpunkte im Kampf
gegen das Apartheid-Regime durchsetzen. In einem Punkt unterschied
sich der Verband deutlich vom ANC: Während er durchaus eine
sozialistische Perspektive als Zukunftsvision hatte, hatte dies für
den ANC bei der Abschaffung des Apartheid-Systems keine Priorität.
Mit seiner Bündnispolitik unterstützte COSATU die Bildung einer
Gewerkschaftsbewegung (Social Movement Unionism), die auf die
Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und
Studentenbewegungen baute. COSATU setzte also auf eine breite
Mobilisierung der Basis und lancierte Kampagnen, die die Probleme der
ArbeiterInnen sowohl am Arbeitsplatz als auch in ihren Communities in
den Blick nahmen. Damit gelang es COSATU, eine geeinigte
Widerstandsbewegung über verschiedene gesellschaftliche Schichten
hinweg zu mobilisieren. Der Gewerkschaftsverband wurde für die
lohnabhängigen ArbeiterInnen und für den am stärksten marginalisierten
Teil der Bevölkerung zum Hoffnungsträger.
Teilhabe an der Macht
Seit der
Machtübergabe von der rassistischen Nationalpartei an den ANC 1994 ist
COSATU neben der Südafrikanischen Kommunistischen Partei (SACP) und
dem ANC einer der Regierungsbeteiligten der strategischen
»Dreierallianz«. In den letzten 15 Jahren hat die Regierung die
makroökonomische Politik der Weltbank befolgt – und damit weite Teile
der Arbeiterklasse sowie die BewohnerInnen der Armenviertel
grundlegend enttäuscht. Durch die industrielle Restrukturierung und
Flexibilisierung nahm die Zahl der Erwerbstätigen in der formell
geregelten Industrie stark ab. Bereits in den ersten fünf Jahren nach
1994 hatten 360.000 ArbeiterInnen ihre Jobs verloren. Zum ersten Mal
seit ihrer Gründung büßten die Gewerkschaften des COSATU Mitglieder
ein, während die Zahl der Arbeitslosen auf 40 Prozent der
arbeitsfähigen Bevölkerung stieg. Derzeit liegt die offizielle
Arbeitslosenquote bei 25 Prozent, die Beschäftigung in der informellen
Ökonomie hat enorm zugenommen. Heute leben etwa zwei Millionen
Menschen von Straßenhandel, Heimarbeit und ähnlichen Tätigkeiten.
Gegenüber diesen einschneidenden Veränderungen bei ihren ehemaligen
Mitgliedern blieb der Gewerkschaftsverband weitgehend untätig. Er hat
weder ein überzeugendes Programm zur Organisierung von informellen
ArbeiterInnen vorgestellt, noch hat er die Selbstorganisationen der
StraßenhändlerInnen und HeimarbeiterInnen ernst genommen oder
unterstützt.
Hinzu kommt, dass sich durch die Privatisierung der kommunalen
Dienstleistungen die materielle Lage der meisten SüdafrikanerInnen
verschlechtert hat. Die neoliberale Politik der Regierung hat in
Townships zu Tausenden von Vertreibungen aus Häusern und zur
Verteuerung von Strom oder Wasser geführt, wenn nicht gleich der
Zugang ganz abgestellt wurde. Etliche autonome soziale Bewegungen sind
aus dem Kampf gegen diese verschärfte Privatisierung im
Post-Apartheid-Südafrika hervorgegangen. Inzwischen genießen einige
recht breite Unterstützung, etwa die Bewegung der HüttenbewohnerInnen
Abahlali baseMjondolo (www.abahlali.org),
die Kampagne gegen die Vertreibungen in der Kap-Provinz Western Cape (Anti-Eviction
Campaign) oder die Bewegung der Menschen ohne Landzugang (Landless
People’s Movement). Die Existenz dieser inzwischen recht starken
Bewegungen ist auch eine Antwort auf die Regierungsbeteiligung des
COSATU, denn als Gewerkschaftsverband hat er es versäumt, scharfe
Kritik an der neoliberalen Regierungspolitik zu üben.
Allerdings kam es bereits im Jahr 2002 zwischen Unterorganisationen
des COSATU zu einem Streit über die Privatisierung. Einige
COSATU-Gewerkschaften nahmen mit autonomen Bewegungen am
Anti-Privatisierungsforum teil. Eine Gruppe dieser
GewerkschaftlerInnen hatte gefordert, COSATU solle seine Politik gegen
die Privatisierung zuspitzen und den Stimmen der sozialen Bewegungen
zuhören. Daraufhin stempelten die COSATU-Gewerkschaften, der ANC und
die SACP diese Gruppe als »Ultra-Linke« ab, kündigten deren
Mitgliedschaft und entließen sie aus dem Dienst. Statt die Schwächung
der Gewerkschaftsbewegung selbstkritisch zu reflektieren, vollzog
COSATU in Bezug auf sein historisches Verhältnis zu sozialen
Bewegungen eine Kehrtwende: Auf dem Gewerkschaftstag 2003 kündigte der
Verband an, dass er mit jenen sozialen Bewegungen zusammenarbeiten
werde, mit denen »gemeinsame politische Zielsetzungen« bestehen. Das
bedeutete praktisch, eine Front gegen die neuen sozialen Bewegungen zu
bilden. Der ANC bezeichnete die TeilnehmerInnen des
Anti-Privatisierungsforum als »anti-national« und »anti-revolutionär«,
obwohl etliche Mitglieder der autonomen Bewegungen noch immer
Parteimitglied sind.
Bewegung in der Bewegung
Die
Kampagne »World Class Cities For All« (WCCA) scheint nun eine
Gelegenheit zu sein, die Spannungen zwischen COSATU als Mitglied der
Allianzregierung und den sozialen Bewegungen zu lockern. Bei
‚Mega-Events’ wie der Fußball-Weltmeisterschaft werden insbesondere
die Hütten der Townships und die StraßenverkäuferInnen von den
Stadtverwaltungen als Störfaktor angesehen, die nicht in das Bild
einer »Weltstadt« passen. Die StraßenhändlerInnen erklären: »...Wenn
sie eine ‘World Class City« aufbauen, möchten wir dabei sein. Sie
vertreiben uns von den Straßen und sie nennen das Stadtreinigung. Aber
wir sind kein Abfall!«. (Mail & Guardian Breaking news (16.05.2007):
www.mg.co.za/articlepage.aspx?area=/breaking
_news/breaking_news__national/&articleid=306530)
Die Stadtverwaltungen der Spiel-Städte haben schon lange angekündigt,
dass für die WM 2010 alle Hütten abgerissen oder deren BewohnerInnen
umgesiedelt würden. Die Mehrheit der StraßenverkäuferInnen habe mit
einem Verkaufsverbot zu rechnen. Gegen diese elitäre Sichtweise
initiierte StreetNet, die internationale Organisation formeller und
informeller StraßenhändlerInnen (www.streetnet.org.za),
bereits 2006 die WCCA-Kampagne. Sie setzt sich für ein umfassendes
Stadtentwicklungskonzept ein, das insbesondere die Belange von
StraßenhändlerInnen und anderen armen städtischen Randgruppen
berücksichtigt. Das Ziel dieser Kampagne ist eine
FIFA-Weltmeisterschaft, die auch die ärmsten und marginalisierten
BewohnerInnen Südafrikas mit einschließt. Für den Straßenhandel und
ähnliche ökonomische Aktivitäten müsse eine faire Alternative geboten
werden. Im März 2007 veranstaltete die Kampagne mit den Organisationen
der SraßenhändlerInnen, Gewerkschaften und mit sozialen Bewegungen ein
nationales Strategie-Meeting. Seither haben die Partnerorganisationen
die Kampagne in jeder Spiel-Stadt in Gang gesetzt und ihre Forderungen
nach sozialen Dialog-Foren bei den Stadtverwaltungen eingebracht.
COSATU-Gewerkschaften nahmen bald aktiv an der Kampagne teil und
kooperierten mit den Organisationen der StraßenhändlerInnen und
verschiedenen sozialen Bewegungen. Die Gewerkschaft der städtischen
Bediensteten (SAMWU) sowie die unabhängige Gewerkschaft der
städtischen Bediensten (IMATU), deren Mitglieder die Aufräumarbeiten
in den Slums durchführen und die StraßenhändlerInnen vertreiben oder
festnehmen müssen, äußerten Widerwillen gegen die zwangsweise
Durchführung. Sie müssten den Leuten nicht nur die
Broterwerbsmöglichkeiten, sondern auch die Unterkünfte wegnehmen. Nun
verhandeln sie mit den Stadtverwaltungen, die zugleich ihr Arbeitgeber
sind, über einen Vorbereitungsprozess für die WM, in dem die am
stärksten Betroffenen auch mitbestimmen dürfen. Der COSATU hat bereits
öfters Kritik an den Stadtentwicklungsprojekten geübt und die Proteste
gegen die Umsiedlung der Joe Slovo Slum-Siedlung in Kapstadt und gegen
die Zerstörung des traditionellen Warwick-Marktes in Durban
unterstützt.
Durch die
WCCA-Kampagne kommen sich COSATU und die Organisationen der
StraßenverkäuferInnen und sozialen Bewegungen näher. Das ist auch für
die Gewerkschaften eine Chance: Durch die Kampagne wird die
Kooperation zwischen Gewerkschaften und ArbeiterInnen der informellen
Ökonomie gestärkt, und das Verhältnis der COSATU zu den sozialen
Bewegungen scheint sich zu verbessern.
In Post-Apartheid-Südafrika gibt es vier Gewerkschaftsverbände. COSATU
ist zurzeit mit zirka zwei Millionen Mitgliedern der größte. Die
Federation of Unions of South Africa (FEDUSA) ist der zweitgrößte
Verband mit 520.000 Mitgliedern, mehrheitlich ‚weißen’ ArbeiterInnen,
die größtenteils im öffentlichen Sektor tätig sind. Der National
Council of Trade Unions (NACTU) kommt aus der »Black Consciousness
Bewegung« in den Gewerkschaften und vertritt zirka 400.000
ArbeiterInnen. Die Confederation of South African Workers’ Unions (CONSAWU)
wurde als jüngster Verband 2003 gegründet. Im Jahr 2008 haben sich
FEDUSA, NACTU und CONSAWU zur South African Confederation of Trade
Unions (SACOTU) zusammengeschlossen. SACOTU vertritt rund eine Million
ArbeiterInnen und definiert sich als »politisch unabhängig«.
Derzeit lässt sich nicht abschätzen, ob die SACOTU ein konkurrierender
Verband zu COSATU oder ein Schritt auf dem Weg zu einer einheitlichen
Bewegung der ArbeiterInnen in Post-Apartheid-Südafrika sein wird. Doch
eines ist klar: Ohne einen Fortschritt bei der Organisierung und
Mobilisierung der ArbeiterInnen der informellen Ökonomie und ohne eine
Antwort auf die Forderungen der sozialen Bewegungen werden die
Gewerkschaften sich in der Zukunft weiter marginalisieren.