Rückblickend auf die erste Fußballweltmeisterschaft auf afrikanischem Boden
werden Fragen und Zweifel laut, ob dieses Megaevent seinen hohen Erwartungen
gerecht werden konnte. Die Tatsache, dass Südafrika als Schwellenland ein
unüblicher Gastgeber war, änderte nichts an den strengen Vorgaben der FIFA
und so musste mit aller Kraft dafür gekämpft werden, die gestellten
Bedingungen zu erfüllen – ohne Rücksicht auf Verluste.
Südafrika schaffte es, Straßen und Stadien entgegen aller Bedenken zum
WM-Beginn fertig und ausreichend Sicherheitspersonal während der Spiele zur
Verfügung zu stellen. Man behielt die Kontrolle und vermied Zwischenfälle.
Ob man die WM in Südafrika jedoch als Erfolg bewerten kann, kommt ganz auf
den Blickwinkel an. Die FIFA ist unterm Strich als klarer Sieger aus diesem
Wettbewerb hervorgegangen. Mit einer Gewinnsteigerung von rund 50% im
Vergleich zur WM 2006 in Deutschland verzeichnete sie die finanziell
erfolgreichste Fußballweltmeisterschaft jeher. Ob die FIFA ihrer Position
als gemeinnütziger Verein entspricht und ihren Profit sinnvoll teilt, sei
einmal dahingestellt. Südafrika konnte definitiv keinen monetären Nutzen
erzielen und muss sogar einen hohen finanziellen Verlust hinnehmen. Bleibt
das Austragungsland bei diesem sportlichen Spektakel nun nur Sieger der
Herzen? Zumindest der immaterielle Nutzen, den Südafrika aus der WM ziehen
konnte, bietet Grund zur Freude.
Den häufig üblichen Assoziationen wie Armut, Kriminalität und HIV/AIDS
stehen Dank der positiv verlaufenen WM Aspekte wie Lebensfreude,
Begeisterung und Zusammenhalt gegenüber. Südafrika präsentierte sich der
Welt farbenfroh und friedlich und konnte dem afrikanischen Kontinent so ein
neues Image verleihen. Das neue Selbstbewusstsein und der Stolz, es der Welt
gezeigt zu haben, lösten eine große Euphorie aus. Die Spiele wurden selbst
nach dem Ausscheiden Südafrikas sowie schließlich auch Ghanas bis zum Finale
ausgelassen gefeiert. Seine Sorgen schien (Süd)Afrika in dieser Zeit zu
vergessen.
Doch die Schattenseiten dieses Großereignisses sind überdeutlich. In der
Vorbereitungsphase wurden in Südafrika die Prioritäten neu gesetzt, der
Fokus der Nation lag einzig und allein auf der WM. Betrachtet man die
grundlegenden Probleme des Landes, fällt auf, dass in die falschen Bereiche
investiert wurde. Allein 58% der finanziellen Mittel flossen in die Stadien,
die nun ungenutzten ‚white elephants’, und die dazugehörige Infrastruktur .
Von dem Betrag, der in den Bau des Green Point Stadions in Kapstadt
investiert wurde statt die schon damals vorhandenen Stadien Newlands oder
Athlone WM-gerecht umzubauen, hätten Häuser für eine Viertelmillion Menschen
gebaut werden können. Die Kosten, die Südafrika insgesamt zu tragen hatte,
erreichten das 17-fache des erwarteten Wertes; der im Vorfeld erhoffte
Gewinn entpuppte sich als Verlust. Denn die Einnahmen, die der Gastgeber
während der WM erzielen konnte, entsprechen gerade einmal einem Zehntel
seiner Ausgaben.
In dem Land, in dem sich nur schleppend ein höherer Bildungsstandard
einstellt, wurden während der WM die Schulen geschlossen. Viele Menschen
mussten aufgrund von Zwangsumsiedlungen ihre gewohnte Umgebung verlassen,
Bettler sowie Straßenkinder wurden in so genannten „Städtesäuberungen“
vertrieben und lokale Straßenhändler durften sich in einem festgelegten
Umkreis nicht den Stadien nähern. Das Problem der Ungleichheit war
allgegenwärtig. Bauarbeiter erreichten nur durch Streiks eine leichte
Erhöhung ihrer Löhne (von 250€ auf 270€ im Monat) während sich die Baufirmen
eine goldene Nase verdienten: Der Lohnunterschied zwischen dem am
schlechtesten bezahlten Arbeiter und dem Geschäftsführer einer der führenden
Baufirmen lag 2009 bei einem Faktor von 285. Menschen aus der armen Schicht
der Gesellschaft (zwischen 30 und 40% der südafrikanischen Bevölkerung leben
unter der Armutsgrenze von 2US$/Tag) hatten somit kaum Zugang zu neuen
Verdienstmöglichkeiten und der Teilhabe am Profit anderer. Die 130.000 neu
geschaffenen Arbeitsplätze waren zum Großteil temporärer Natur, sodass die
WM der dramatischen Arbeitslosigkeit in Südafrika, welche 2009 bei knapp 25%
lag (2008: 23,2%; 2007: 22,7%), langfristig nicht entgegenwirken konnte.
Obwohl die Anzahl an Touristen zur WM deutlich anstieg, hatte man mit noch
mehr WM-Besuchern gerechnet. Die Auslastung der Hotellerie im Western Cape
lag beispielsweise lediglich bei 55%. Auf lange Sicht gesehen wird Südafrika
hoffentlich von der neu gewonnenen Aufmerksamkeit und dem Interesse vieler
Ausländer profitieren. Auch in anderen Bereichen wird man vermutlich erst im
Laufe der Zeit einen Überblick über die Auswirkungen der
Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika bekommen. Dass der Gastgeber mit
der Ausrichtung dieses Megaevents in die Geschichte eingegangen ist, steht
außer Frage. Dafür zahlte das Land jedoch einen hohen Preis.
Erfahrungen aus Südafrika - Perspektiven für
die WM in Brasilien?
Die Rolle der FiFA
Bereits im Vorfeld der
Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika hatte sich die Kampagne deutscher
Nichtregierungsorganisationen kick for one world an die FIFA gewandt. Nach
zwei unbeantworteten Schreiben 2009 und 2010 erhielten wir auf einen dritten
Brief vom 30. November 2010 schließlich eine Reaktion. Dieser war von einer
Reihe zivilgesellschaftlicher Gruppen sowie Einzelpersonen unterzeichnet
worden. Unsere Aufforderung, einen Teil ihres WM-Profites an die
südafrikanische Bevölkerung zurückzugeben und im Vorfeld der WM 2014 in
Brasilien frühzeitig zivilgesellschaftliche Gruppen in einen Planungs- und
Gestaltungsprozess einzubinden, war also von der FIFA zur Kenntnis genommen
worden.
In Bezug auf die Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien verspricht die
FIFA, lokale HändlerInnen stärker einzubinden, unter der Voraussetzung, dass
diese keine gefälschten Nachahmungen der lizenzierten FIFA-Produkte
verkaufen. Es bleibt zu hoffen, dass unter anderem die Kommunikation mit
informellen StraßenverkäuferInnen im Vorfeld besser verlaufen wird als dies
in Südafrika der Fall war. Die Einbeziehung lokaler Interessengruppen ist
von enormer Bedeutung, wenn das ganze Land – und nicht nur die großen
Geschäftemacher – profitieren sollen.
2010 FIFA World Cup Legacy Trust for South
Africa
Für Südafrika hat die FIFA eine
Stiftung ins Leben gerufen, welche mit 100 Mio. US-Dollar dotiert ist. Diese
soll Initiativen zur Fußballförderung, Bildung, Gesundheit und humanitärem
Engagement unterstützen. Leider ist vor Ort davon noch wenig zu merken, wie
uns Pat Horn, Koordinatorin des Netzwerkes informeller StraßenhändlerInnen
streetNet, mitteilte: "We heard all about this Trust in the publicity and
the news. But since then everything had gone quiet – we haven’t seen any
nice programmes to inform the poor communities and street vendors how to
access the funds in the trust ! But it is interesting that there is some
kind of pressure which makes it necessary to do this kind of publicity stunt.
I reckon we should build up the pressure on FIFA even more now in Brazil."
Erst seit Juli 2011 scheint nun
endlich Bewegung in die Sache zu kommen. Und schon hat sich der zugesagte
Betrag um 25 Mio. US-Dollar verringert, da aus den Geldern nachträglich der
Bau des SAFA-Hause (SA Football Association) und der Kauf von 50 Bussen für
die SAFA finanziert werden muss. Verwaltet wird der Trust von vier SAFA- und
zwei FIFA-Vertretern aber nur zwei unabhängigen Vertretern.
Fest steht, dass in den
nächsten Jahren noch einiges passieren muss, damit bei der
Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien alle Bevölkerungsschichten
Erfolge erzielen können.
Zu WM-Beginn reisten über 700
000 Touristen aus aller Welt an, von denen zwischen 330 000 und 450 000 als
WM-Besucher gezählt werden. Insgesamt kamen im Jahr 2010 8,1 Mio. Besucher
nach Südafrika – 15,1% mehr als 2009
Polizeieinsatz
40 000 zusätzliche Polizisten
verhinderten Zwischenfälle während der WM
Gewinn der FIFA
Angaben schwanken, 1,5 – 2 Mrd.
€ werden als direkter Gewinn aus der WM vermutet
Verlust für Südafrika
Geschätzte 20 Mrd. Rand (~ 2
Mrd. €) aufgrund 17x höherer Ausgaben und zusätzlich geringerer Einnahmen
als erwartet
Steigerung des BIP
Angaben variieren zwischen 0,2
und 0,54%, erwartet wurden bis zu 3%
Jobs
Angaben variieren zwischen 130
000 und über 600 000 neu geschaffener Arbeitsplätze – fest steht, dass ein
Großteil nicht beständig war und nach der WM wieder verloren ging
(Arbeitslosenquote 2009: 24,3%; 2008: 23,2%; 2007: 22,7%)
Ungleiche Verdienstmöglichkeiten
In der Baubranche lag der
Unterschied zwischen dem Lohn des am schlechtesten bezahlten Arbeiters und
dem Gehalt des Geschäftsführers einer Baufirma beim Faktor 285
Bewertung des Gastgebers
Südafrika bekam 9 von 10
Punkten von der FIFA für die Ausrichtung der WM
Stolz der Südafrikaner
97% der Befragten einer Umfrage
gaben an, seit der WM mehr Stolz für ihr Land zu empfinden