Viagra aus Affenfleisch
Seit 1974 nehmen afrikanische Mannschaften
an der Fußballweltmeisterschaft teil. Das damalige Zaire (heute DR Kongo)
machte den Anfang. Meist war nach der Vorrunde Schluss. Kamerun erreichte
1990 das Viertelfinale. Unvergesslich ist den Fußballfans weltweit Roger
Milla; seine Dribblings, sein Ballzauber und vor allem sein Makossa-Tanz um
die Eckfahne nach erfolgreichem Abschluss. Auf Geschichten über Ballzauber
ganz anderer Art haben die Reportagen deutscher Medien über den Auftritt
afrikanischer Mannschaften nie verzichten mögen. Man wird sie zur WM 2010
wieder lesen können, zumal das Turnier diesmal auf afrikanischem Boden
stattfindet. Von diesem „Ballzauber“ geht offensichtlich einen besonderen
Reiz aus. Koloniale und postkoloniale Klischees werden dabei fleißig
bedient. Spieler werden von ihren Gegnern mit geheimnisvollen Pulvern
bestäubt und geraten außer Puste. In Swasiland soll schon mal eine Kuh
lebend auf der Torlinie vergraben worden sein; ob zu Null gespielt wurde,
ist nicht überliefert. In Kenia war es mal ein toter Fuchs. Spieler sollen
sich in den Nächten auf Friedhöfen herumtreiben und mit Hühnerblut und
Kräutern für ein erfolgreiches Spiel einreiben. Und dann natürlich das
Affenfleisch, fast schon Kannibalismus. Mehr Kraft tanken geht nicht. Eine
Glosse.
von Jojo Cobbinah
Die Fußballnationalmannschaft von Zaire, jetzt Demokratische Republik Kongo, hatte bei der Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland teilgenommen. Zwar war Zaire nicht die erste Mannschaft aus Afrika, die jemals bei diesem Turnier teilgenommen hatte. Die früheren Begegnungen Deutschlands mit afrikanischen Mannschaften aus Marokko, Tunesien, Ägypten waren nicht in Vergessenheit geraten. Jede dieser Begegnungen war eine Zitterpartie, bei der jedes Mal eine Blamage drohte. Trotzdem verursachte Zaires Teilnahme viel Wirbel in der Presse, weil Zaire eben die erste „echt afrikanische“ Mannschaft präsentierte. Da die Mannschaft aus Zaire in Berlin spielen sollte, war das Interesse der Berliner für eine so exotische Gruppe sehr stark. Keiner kannte ihre Stärken und Schwächen, viele wussten noch nicht einmal, dass dieser Staat überhaupt existierte. Bereits Wochen vor Beginn der Spiele stand allerlei Skurriles über Zaire in der BZ, Berlins großer Boulevardzeitung. Angeblich hatten sie Juju mitgebracht, um ihre Gegner schwindlig werden zu lassen, mal hieß es, ihr Trainingsquartier wäre nun Zentrum von obskuren Voodoopraktiken. Einmal sogar stand in großen Buchstaben, dass die Mannschaft der
Schwarzen aus dem tiefsten Afrika Affenfleisch im Gepäck hätte. Ein Reporter hätte gesehen, wie geräucherte Affenstücke als Teil des Gepäcks auf dem Flughafen Tempelhof ausgeladen wurde. Die Spieler aus Zaire versprachen sich vom Verzehr von Affen Potenz, Kraft und Ausdauer. Abends im Boulevard, meiner Stammkneipe Ecke Wilmersdorferstraße in Charlottenburg, wurde ich mit einem Zeitungsausschnitt und jeder Menge pfui Teifel begrüßt. Meine Proteste, dass der deutsche Zoll so was gar nicht gestattet und dass es schließlich um Zaire ging und nicht Ghana, wo ich her komme, ließ keiner der Kumpels in der Kneipe gelten. Afrikaner ist Afrikaner, egal.
Dann wurde mit den Spielen begonnen. Klar wollte man wissen, ob das Affenfleisch gepaart mit Voodoo eine merkliche Wirkung erzielen würde.
Leider, leider musste Zaire im ersten Spiel gegen Weltmeister Brasilien antreten. Zaire bekam eine ordentliche Packung von 4:0. Die nächste Begegnung war auch nicht besser. Zaire wurde von Jugoslawien mit 10:2 gedemütigt. Am darauf folgenden Tag war die Hölle los auf den Straßen und in den Kneipen von Berlin. An diesem Abend mied ich das Boulevard und ging lieber zum Udo in der Windscheidstraße. Auch dort gab es keine ruhige Minute für mich.
„Hey, Lumumba, hast du noch Affenfleisch zu Hause?“, fragte ein Bauarbeiter, der in der Nachbarschaft wohnte, begleitet von lautem Gelächter der übrigen Zecher. Da in Deutschland der Kneipenbesitzer immer das letzte Wort hat und diese Spezies überhaupt viel Macht besitzt, wandte ich mich Hilfe suchend an Udo.
„Du Udo“, sagte ich zu ihm, „du kannst doch nicht einen treuen Kunden und Gast wie mich einfach im Regen stehen lassen, wenn er so beleidigt wird, oder?" Also stand Udo auf, stützte sich auf die Holztheke und richtete im breitem Berlinerisch ein Wort an meinen Peiniger.
„Lass mein Nega in Ruhe, du, du Pfeife. Der hier, wa, (er zeigte auf mich) der ist ganz in Ordnung. Sein Vater ist Häuptling in Afrika. Der wird sicherlich Minista,
wenn er wieder in seiner Heimat ist“, verkündete Udo mit Überzeugung und
sichtlich mit sich zufrieden. In der Kneipe wurde es still.
Nach der Frage, warum ich ausgerechnet später Minister werde,
meinte er, ich hätte durch meinen Aufenthalt in Berlin viele Kenntnisse
erworben, viel gesehen und genug Zivilisation genossen, um sie dort weiter
zu verarbeiten. „Nur weil ich in Europa bin?“, fragte ich. „Ja sicher. Schau
mal, wie viele Deiner Landsleute haben überhaupt das Privileg gehabt, nach
Europa zu fahren?“
Ich war sprachlos und wollte protestieren. Bevor ich aber
etwas sagen konnte, beugte er sich über mich und flüsterte mir ins Ohr, „Sag
mal ehrlich. Stimmt das mit dem Affenfleisch? Macht es richtig geil?“
Jetzt war ich richtig fertig!