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Satanische Verve

Daran werden sie sich gewöhnen müssen, die Spieler und Zuschauer bei den Spielen um die Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika. An den infernalischen Krach Tausender von Tröten, unterarmlanger Vuvuzelas. Die Mannschaften, die zum Confederation Cup in diesem Jahr, dem Warmlaufen für die WM, angetreten waren, haben ihre Wirkung schon zu spüren bekommen. Über den Ursprung des Namens gibt es viele Versionen. Manche leiten den Namen vom Klang ab, den das Instrument erzeugt, eine Imitation des Trompetenstoßes eines Elefanten. Andere verweisen auf einen Begriff aus dem Slang der Townships: „Mit Musik duschen“. Mit Begeisterung aufgenommen wurde eine Ableitung aus der Sprache der Zulu: „Krach machen“ – in Anspielung auf ein afrikanisches Sprichwort: Mit Krach bringt man den Affen zur Strecke.


von Evans Macingwone

Wer kann schon sagen, wie die Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika ablaufen, wer den Pokal in den Händen halten wird. Eins aber dürfte gewiss sein, es wird die wohl lauteste WM. Tausende von Fans werden die Stadien mit ihrer Vuvuzela beschallen.

Einen Vorgeschmack brachte Nelson Mandela zur Bewerbung um die WM 2010 mit nach Zürich. Vielleicht auch, um Südafrika mehr Gehör zu verschaffen als bei der Bewerbung 2000, wo Südafrika im letzten Wahlgang gegen Deutschland – aufgrund einer etwas dubiosen Enthaltung – unterlag. Der Weltfußballverband, die Fifa, durfte sozusagen schon mal vorhören – und erschrak. Ein Verbot wurde diskutiert und nach dem Confederation Cup im Juni 2009 von Spanien noch einmal beantragt. Der Europameister Spanien hatte im Spiel um den dritten Platz gegen Südafrika erfahren müssen, was mit dem Sprichwort gemeint ist: „Mit Krach bringt man den Affen zur Strecke“. Zigtausend südafrikanische Zuschauer bliesen ihrer Mannschaft den Weg nach vorn. Spanien gewann mit Ach und Krach erst in der Verlängerung mit 3:2. Auch Fernsehsender, die Probleme sehen, ihre akustischen Instrumente abzustimmen, stellten sich hinter ein Verbot. Die Vuvuzela erreicht 105 Dezibel, die hörschädigende Grenze liegt bei 85 Dezibel – bei Dauerbeschallung.

Der Fifa-Chef Blatter mochte jedoch von einem Verbot der Vuvuzela nichts hören. Das sei afrikanische Tradition und „integraler Bestandteil südafrikanischer Fußballbegeisterung“, beschied er kurz und bündig. Der überraschend zart besaitete Rugby-Verband Südafrikas verbannte übrigens die Tröte aus seinen Stadien.

Das mit der afrikanischen Tradition sei dahin gestellt. In aller Welt feuern die Fans mit Lautstärke ihre Mannschaft an, mit ihrer Stimme, mit Pauken, mit Blasinstrumenten. Der Vuvuzela gehört in diesem Orchester der erste Platz.
Eine völlige Neuschöpfung ist die Vuvuzela nicht. Seit Anfang der 1990er-Jahre hielt sie Einzug in die Stadien. Sie wurde jedoch aus Zinn gefertigt oder aus Kuduhörnern produziert und war deshalb relativ teuer. Nicht viele Fans konnten sich so ein Instrument leisten.

Da hatte Neil van Schalkwyk eine zündende Idee. Er arbeitete damals – 2001 – in einer Plastikfirma. Eine Vuvuzela aus Plastik, das müsste doch der Renner werden. Er unterhielt sich darüber mit seinem Freund Beville Bachmann, der in der gleichen Firma arbeitete. Der war Kaufmann. Aus Plastik ließe sich eine billige Massenware herstellen, machte er seinem Freund schmackhaft. Zudem ließen sich die Instrumente zusätzlich mit den Vereinsfarben bemalen; das müsste doch zu einem reißenden Absatz bei den Fans führen.

Beville war Feuer und Flamme. Neil und Beville stiegen aus ihrer Firma aus und gründeten Masicedane Sports. Eine Anschubfinanzierung gab es aus dem staatlichen Fonds des BEE-Programms (Black Economic Empowerment). Trotzdem war eine schwierige Durststrecke zu überwinden; ihr Durchhaltevermögen wurde auf eine harte Probe gestellt. „Es war einfach eine Frage des Vertrauens in die eigene Kraft“, erzählt Beville heute über die schwierigen Anfänge. „Man darf nicht aufgeben. Aufgeben darf es einfach nicht geben. Auch, wenn wir auf Widerstände stießen, hielten wir durch. Wir machen Druck und Druck und Druck und sehen dann, wohin wir damit kommen.“

Leicht war der Start nicht. Heute lacht Neil: „Sechzehn Stunden am Tag waren leicht vorbei, dazu kamen viele durchgearbeitete Wochenenden.“ „Es gab Tage, da hatten wir regelrechte Durchhänger und haben uns gefragt: Machen wir weiter oder geben wir auf“, ergänzt Beville. „Wir haben weitergemacht, weil wir überzeugt waren, es ist die richtige Idee, und mit Stehvermögen werden wir am Ende eine wunderbare Vuvuzela auf den Markt bringen.“

Es galt zunächst einen Prototyp zu entwickeln, der nicht nur die nötige Lautstärke erzeugte, sondern auch von jedem möglichst spontan anzublasen war. „Unsere Prototypen ließen sich nur schwer anblasen“, erzählt Neil. „Wir brauchten sechs Monate, um das zu verbessern. Heute kann jeder mit ein wenig Übung einen Ton hervorbringen.“ Und dann gleich in einer enormen Lautstärke. Man braucht allerdings viel Puste. Lunge und Lippen müssen ganz schön Kraft aufbringen.

Inzwischen hat Masicedane mehrere Preise als innovatives Unternehmen eingeheimst und darf das Logo Proudly South African führen. Die Produktionspalette wurde erweitert. Heute werden auch Schlüsselanhänger und Kettchen mit der Vuvuzela hergestellt und andere Sport-Devotionalien. Zusätzlich haben sie ein limitierte Auflage mit Gold veredelter Vuvuzelas hergestellt. Die beiden ersten Exemplare wurden Nelson Mandela und Danny Joordan, dem Organisator der WM, übergeben. Die restlichen werden für 25.000 Rand verkauft. Der Erlös kommt dem Südafrikanischen Fußballverband SAFA (South African Football Association) zugute.

Die richtige Form finden mit einem Mundstück für viele Lippen war nur der Anfang. Wie bringt man das funktionierende Instrument nun unter die Leute? Neil und Beville mischten sich unter die Straßenhändler im fußballbesessenen Soweto, der großen Vorstadt von Johannesburg, wo bei der WM 2010 Spiele ausgetragen werden. Sie suchten sich Leute aus und sprachen sie an. „Zwanzig Straßenhändler haben wir anfangs ausgewählt. Wir kamen ihnen in der Umsatzbeteiligung weit entgegen. Es hat sich ausgezahlt.“

Die Nachfrage stieg rasch, die Produktion musste erweitert, der Vertriebsweg neu organisiert werden. „Mittlerweile beschäftigen wir Mitarbeiter in Dauerstellung. Jeder von ihnen muss drei oder vier Familienmitglieder mitversorgen. Ein Arbeitsvertrag bedeutet für sie da schon eine grundlegende Veränderung für ihre Überlebensstrategie. Wir freuen uns darüber; denn das gehört zu unseren Grundsätzen.“

Masicedane beschäftigt mittlerweile in allen WM-Städten Subunternehmer, die den Vertrieb vor Ort organisieren. Neil erzählt von seinen ersten Grossisten, Ayanda und Andila Duda. Die beiden sind Zwillinge. Sie managen den Verkauf in der Provinz Gauteng. Mit ihren Einnahmen finanzieren sie die Ausbildung ihrer beiden Schwestern und des Bruders, und sie können sich die Pflege ihres kranken Vaters leisten. „Sie sind schon längst nicht mehr fliegende Händler. Sie managen für uns den Vertrieb und haben ihre eigenen Straßenhändler“, sagt Beville.

Sicher, die Dudas sind Vorzeige-Personen. Aber es bleibt auch ein bescheidener Verdienst hängen bei den Händlern und Händlerinnen vor den Stadien. Allerdings hat die Fifa verfügt, dass sie während der WM 2010 ihren Bauchladen nur drei Kilometer entfernt von den Stadien feilbieten dürfen.
Der Endpreis einer Vuvuzela beträgt zur Zeit 30 Rand (ca. 3 Euro). Neil und Beville wollen diesen Preis auch für das Turnier der WM 2010 halten. Sie setzen darauf, dass weder Zwischenhändler noch die Straßenverkäufer auf allzu überhöhte Profite setzen. Sie haben jedoch andere Sorgen; Produktpiraterie, sagen sie. „Unser Erfolg hat Nachahmer auf den Plan gerufen“, erzählt Beville. „Es ist ja nicht schwer, die ausgereifte Vuvuzela abzukupfern.“

Neil und Beville engagieren sich deshalb für einen Markenschutz in Südafrika und auch um eine Aufklärung in der Käuferschaft, warum der Markenschutz wichtig ist, auch wenn der Preis höher ist. „In Europa wissen die Leute, warum sie nach Markenprodukten Ausschau halten. In Afrika ist das nicht so. Aus den Lizenzeinnahmen zahlen wir Abgaben an die Klubs. Dort können sie dann eingesetzt werden, um den Nachwuchs auszubilden.“ Auch in Deutschland wird die Vuvuzela in Lizenz hergestellt. Die Bauweise musste allerdings ein wenig verändert werden. „Man hatte uns vorgewarnt: Die Deutschen sind sehr penibel“, erinnert sich Beville. „Das stimmt.“ In Deutschland müsse die Vuvuzela zerlegbar hergestellt werden, damit sie bei einem Schlag in drei Teile zerfällt. Dabei ist das gerade mal 150 Gramm schwere Instrument kaum als Schlagstock zu gebrauchen.

Neil und Beville haben ihre eigene Unternehmerphilosophie: Geschäft und Moral seien gemeinhin ein Widerspruch in sich. Das müsse aber keineswegs so sein. Und sie empfehlen allen, die den Weg in die Selbstständigkeit wagen wollen: „Selbstvertrauen, Integrität und Rechtschaffenheit sind die Grundlagen. Man kann ein großes Unternehmen aufbauen, aber wer Integrität und Rechtschaffenheit vermissen lässt, wird irgendwann am Ende sein“, gibt Neil Neugründern mit auf den Weg. „Das Fundament für Beville und mich waren unsere Freundschaft und eine Unternehmensethik von Rechtschaffenheit und Integrität. Und das ist der Weg, den wir weiter gehen wollen.“

„Die WM 2010 wird dem Land einen Schub geben“, davon ist Beville überzeugt. „Man wird sehen, wie weit er trägt.“ An seinen Vuvuzelas soll es nicht liegen. Es wurde verschiedentlich vorgeschlagen, aufeinander abgestimmte Vuvuzelas in unterschiedlichen Tonlagen zu produzieren, sozusagen für eine konzertante Aufführung. Glücklicherweise wurde diese Idee nicht aufgegriffen; es käme wohl eine Kakophonie heraus, zu unterschiedlich sind die Blasansätze. Und: Im Unisono liegt die Kraft der Vuvuzela.
 

Der Autor ist Fußballfan und ein Anhänger der Orlando Pirates. Er arbeitet als Tontechniker.

Quelle: afrika süd 05.2009

 

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