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Von Schusswesten und langen Unterhosen

 

Vor sechs Jahren wurde die Fußballweltmeisterschaft erstmals an ein Land des afrikanischen Kontinents vergeben. Seitdem halten die Bedenkenträger in Europa nicht still. Folgt man dem Hauptstrom der Medienberichterstattung in Deutschland, war das eine Fehlentscheidung. Die bekommen das Turnier organisatorisch nicht in Griff, die kriegen die Infrastruktur nicht auf die Beine, sie schaffen es nicht, die Stadien pünktlich hochzuziehen. „Die“ haben es geschafft. Zuletzt musste die Sicherheit herhalten. Und dann entdeckten einige Google-Fans mit Schrecken: Die WM findet mitten im Winter statt.

von Hein Möllers

Bayern-Chef und Würstchenfabrikant Uli Hoeneß konnte es nicht lassen, auch
zur WM 2010 seinen Senf dazuzugeben: Es sei „eine der größten Fehlentscheidungen“ von Fifa-Präsident Blatter gewesen, die WM nach Afrika zu vergeben, sagte er im Januar der Süddeutschen Zeitung. Hoeneß jedenfalls
war sich sicher: „Ich fahre da nicht hin,ich war nie ein großer Freund von einer WM
in Südafrika oder überhaupt in Afrika, solange Sicherheitsaspekte nicht zu hundert Prozent geklärt sind.“

In Internet-Foren erhielt Hoeneß – neben z. T. geharnischter Kritik („Rassist“) –
viel Zustimmung. Mancher entdeckte bei seinen Recherchen: Die WM findet ja mitten im Winter statt. Nun, das Wetter dürfte mitteleuropäischen Mannschaften entgegenkommen. Die Nächte können allerdings empfindlich kalt werden, und beim Confederation Cup 2009 liefen einige Spieler mit Handschuhen auf. Und zur Not gibt es ja lange Unterhosen.

Und die Sicherheitslage? Muss die deutsche Mannschaft mit Schusswesten herumlaufen? Das legte jedenfalls ein Sicherheitsmann der DFB-Delegation nahe. Kaum eine Zeitung, die ihn nicht zitierte, wobei offenblieb, ob er das ernst meinte oder ironisch einen Schlusspunkt hinter die impertinenten Fragen der Besucher setzen wollte.

Die Sicherheitsbedenken lassen sich allerdings nicht so einfach abtun. Südafrika hat den Ruf, eines der gefährlichsten Länder der Welt zu sein. Dieser Ruf ist teilweise berechtigt, blendet aber die Komplexität der Gefährdungslage
aus.

 

Tradition der Gewalt

Das Problem der Gewalt in Südafrika ist alt. In Zeiten der Apartheid konnte man sie „unsichtbar“ hinter den Ghettos halten. Das änderte sich mit der Freizügigkeit für alle Bürgerinnen und Bürger des Landes, und überforderte auch die Polizei. Die alte Polizei bestand aus schlagkräftigen paramilitärischen Einheiten zum Schutz des Apartheidsystems. Sie konnte bei Festnahmen weitgehend frei schalten und walten, hatte praktisch eine Blanko-Vollmacht, nach Belieben zu schießen; Folter als Ermittlungsmethode war gang und gäbe.

Nach 1994 galt es in einem ersten Schritt, die Polizei zu entmilitarisieren und auf strikte Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien und Zurückhaltung bei der Gewaltanwendung zu verpflichten. Der Polizeidienst hat sich – bei allen weiter
bestehenden Mängeln – geändert.

Doch die Veränderung hatte ihren Preis: Viele „professionelle“ Beamte schieden
aus politischen Gründen aus dem Staatsdienst, andere resignierten wegen
Stress oder unterbliebener Beförderung. Außerdem hält die schlechte Bezahlung
viele begabte Fachkräfte ab, in den Polizeidienst einzutreten, während weniger geeignetes Personal zur Polizei drängte, weil es sich dort ein „Zubrot“ durch Korruption ausrechnete. Das Polizeikorps ist in Teilen hoch korrupt.

Da überrascht es nicht, dass die Zahl der schweren Verbrechen – Mord, Vergewaltigung, Raubüberfälle, Carjacking – nach 1994 stetig gestiegen ist.

 

Zahlen, regionale und örtliche Unterschiede

Doch allmählich scheinen die Maßnahmen zur Verbesserung der polizeilichen Arbeit zu greifen. Die Gewaltkriminalität erreichte 2003 ihren Höhepunkt und sinkt seitdem. Nach der zuletzt veröffentlichten Statistik vom September 2009 liegt die Rate wieder auf dem Niveau von 1994.

Zwischen April 2008 und März 2009 wurden in Südafrika 18.148 Menschen umgebracht. Das sind 50 pro Tag, 39 auf 100.000 Einwohner; diese Quote liegt doppelt so hoch wie die New Yorks und beträgt fast das Zwanzigfache der deutschen Quote.

Noch beängstigender sind die über 70.000 Sexualverbrechen, die in einem Jahr verübt werden. Bei 70 Prozent handelt es sich um Vergewaltigungen, jeden Tag werden über 140 Frauen und auch Kinder missbraucht. Dabei gehen Schätzungen davon aus, dass Vergewaltigungen in der Regel immer noch nicht angezeigt werden – aus Scham oder Abhängigkeit vom Täter. Der heftige Anstieg der Meldungen von Sexualdelikten hat auch einiges zu tun mit erhöhter Sensibilität und
Aufklärungsarbeit, die von zahlreichen Nichtregierungsorganisationen geleistet wird. Ein Fachmann, Johan Burger vom Institute for Security Studies (ISS) in Pretoria, hält die Raubüberfälle für das größte Risiko für ausländische Besucher. Solche Überfälle hätten sich in den letzten Jahren allerdings schwerpunktmäßig verlagert. Dank stärkerer Polizeipräsenz und Überwachung von Plätzen und belebten Straßen würden weniger Passanten angegriffen; dagegen mehrten sich die Überfälle auf Läden und Supermärkten, aber auch auf Privathäuser durch organisierte Gangs. Doch immer noch passieren zwei Drittel der schweren Raubüberfälle auf der
Straße. Gegenüber 2003 werden zwar für 2008/09 30 Prozent solcher Überfälle weniger verzeichnet, aber auch in letzterem Jahr waren es mehr als 72.000 Fälle. Und unverändert hoch sei weiterhin das Carjacking – der gewaltsame Raub von Autos.

Insgesamt erkennt Burger deutliche Verbesserungen in der Verbrechensbekämpfung. Die Kriminalität sei seit 2003 um 24 Prozent zurückgegangen. „2003 war die Kriminalität in Südafrika auf einem Höhepunkt
angelangt.“

Und dann weist Burger auf einen Fakt hin, der sich hinter Durchschnittszahlen verbirgt: „Allerdings wird der weit überwiegende Teil der Morde in den Townships begangen. Ein Tourist oder Fußballer, der zwischen Stadion und Unterkunft oder Strand und Wildpark pendelt, muss kaum damit rechnen, ein Opfer der Gewalt zu werden – anders als die Millionen Südafrikaner, die sich nicht durchweg in diesen Sicherheitszonen bewegen und in ihrem Alltag ungleich stärker mit der Gewalt konfrontiert sind.“

Auch die im September 2009 veröffentlichten Polizeistatistiken ergeben ein regional unterschiedliches Bild. Vor allem im Westkap wurden deutlich weniger Delikte verübt als in den Jahren zuvor. Kapstadt meldete „nur“ fünf Morde im Township Nyanga am Rande der Stadt im gleichen Zeitraum 2008.

Manches Unternehmen von Township-Touren nutzt das berüchtigte Image und
vermittelt den Touristen einen wohligschrecklichen Schauer: Wir sind mit dem
Leben davon gekommen, können sie zuhause verbreiten und damit das Klischee
verstärken.

 

„Touristen sicher wie in Berlin“

Danny Jordaan, Organisationschef der WM und damit von Beruf her Optimist, reduziert Sicherheitsfrage denn auch auf ein bloßes Imageproblem: „Viele Leute, die nie in Südafrika waren, zeichnen ein völlig falsches Bild von unserem Land. Wer einmal hier war, hat keine Bedenken. Die Gefahr eines Überfalls ist nicht höher als vor vier Jahren in Berlin.“ So simpel ist es sicher nicht.

Der südafrikanische Kommunikationschef für die Fifa, Rich Mkhondo, meinte: „Es gibt kein Sicherheitsproblem für Südafrika, auf jeden Fall ist es nicht anders als in New York“, schränkte diese Aussage aber dahin gehend ein, dass das nur für Situationen gilt, die unmittelbar die WM betreffen: „Wenn Sie jedoch in einen Nachtclub gehen, dann müssen Sie selbst auf Ihre Sicherheit achten.“

Auch Helen Zille, die ehemalige Bürgermeisterin von Kapstadt und jetzige
Premierministerin des Westkaps – anfangs keine Befürworterin der WM in
Südafrika –, ist sich sicher. Sie weist auf die Gruppenauslosung für die WM im
Dezember 2009 in Kapstadt hin. Mit 15.000 Besuchern habe man gerechnet;
5.000 kamen. „Nichts ist passiert. Und auch bei der WM wird nichts passieren,
wenn man die nötigen Vorsichtsmaßnahmen beachtet.“

Der südafrikanische Polizeichef Bheki Cele setzt lieber auf nüchterne Zahlen.
Er weist auf die beispiellosen Anstrengungen hin, die Südafrika im Hinblick
auf die WM unternommen hat. In Ausbildung, Technologie und Ausrüstung
der Sicherheitskräfte wurden insgesamt 1,3 Mrd. Rand (130 Mio. Euro) investiert,
640 Mio. Rand für die zusätzlichen Polizisten und 660 Mio. Rand für die Ausrüstung.
Südafrika habe – und das klingt wiederum bedrohlich – mit einem Polizisten
auf 330 Einwohner eine der höchsten Polizeidichten der Welt. „Wir haben
alles getan, was getan werden konnte. Aber absolute Sicherheit gibt es
nicht.“


Polizeiliche Aufrüstung

Auf einer Pressekonferenz führte Cele im einzelnen aus: Für die WM wurde
die Polizei um 50.000 auf 190.000 Mann aufgestockt, davon 44.000 ausschließlich
für den Einsatz an den Austragungsorten. In jedem Stadion kommen 700 Beamte zum Einsatz. Verstärkt werden diese Kräfte von sechs bis acht Polizeibeamten
aus den Teilnehmerländern, vornehmlich für potenzielle Täter aus ihren Ländern.

Die Teams werden von bewaffneten Sondereinheiten der Polizei bewacht, zu den Austragungsorten, den Stadien und zurück in die Quartiere eskortiert. In Durban sollen z.B. auch die Fans durch spezielle Sicherheitskorridore ins Stadion geleitet werden.

27 Sonderkommissionen von Kriminalbeamten werden während der WM eingesetzt. 60 Schnellgerichte sollen Vergehen zügig abarbeiten, vor allem, wenn Ausländer als Täter oder Opfer involviert sind.

Zur Sicherung von Luftraum und Küsten haben Luftwaffe und Marine eigene Pläne
ausgearbeitet. Die Armee ist für Eventualfälle zur Unterstützung der Polizei einsatzbereit. Leiter von Polizei und Sicherheit bilden einen vorsorglichen Krisenstab mit Sitz in Pretoria.

Insgesamt stellt das Institut für Sicherheitsstudien der Regierung für ihre Sicherheitsanstrengungen ein gutes Zeugnis aus. Das Konzept sei durchdacht, die notwendigen Ressourcen wurden zur Verfügung gestellt.

Über den Einsatz staatlicher Kräfte hinaus werden auch private Sicherheitsdienste mit insgesamt 10.000 Mann engagiert. Die Bewerbung für diese Sicherheitsfirmen wurde international ausgeschrieben. Aus Deutschland hat sich unbestätigten Meldungen zufolge die Leverkusener BaySecur beworben. Das Unternehmen sichert bei Auswärtsspielen der deutschen Elf die VIP-Gäste. Der DFB hat sein Kontingent an Sicherheitskräften für diese WM 2010 um 20 Mann aufgestockt.

Für den schlimmsten Fall liegen Notfallpläne bereit. Wie erst Anfang Mai 2010
bekannt wurde, hat die Fifa die Veranstaltungsorte verpflichtet, Kapazitäten für medizinische Notversorgung vorzuhalten: Leistungsfähige Krankenhäuser in der weiteren Umgebung der Austragungsorte des Turniers dürfen Unfall- und chirurgische Stationen nur halb belegen und müssen nicht unmittelbar notwendige Operationen auf die Zeit nach der WM zu verschieben. Aufgrund der angespannten klinischen Versorgung sind Krankenhauschefs aus Protest zurückgetreten, andere in staatlichen Kliniken, die sich den Anordnungen verweigerten, wurden entlassen. Vier solcher Fälle wurden bisher bekannt. Der worst case geht von einer Katastrophe mit 200 mehr oder weniger schwer Verletzen aus.

Das ganze Konzept liest sich wie eine Notfallplanung. Das ist nicht mehr viel von der „herrlichsten Nebensache der Welt“ zu spüren.

Ein Rainer Zobel dürfte da den Kopf schütteln. Er ist in Afrika herumgekommen und
trainiert heute den Erstligen Moroka Swallows.Früher war er einmal  Mannschaftskamerad von Uli Hoeneß und könnte vielleicht dessen Afro-Phobie dämpfen. Zobel fährt jeden Tag nach Soweto hinaus. Er diktierte Bartholomäus Grill von der Zeit in den Notizblock:„Man muss ein paar Regeln beachten. Aber ich fühle mich in keiner Weise eingeschränkt. Südafrika ist ein tolles Land.“


 

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