Der Herr der Gastgeber
Der Weltfußballverband – ein
Staat im Staate
Die Weltmeisterschaft im Fußball rückt näher und zieht die
Menschen Südafrikas in ihren Bann. Viele versprechen sich
materielle Vorteile vom Turnier. Doch die, die bisher schon auf der
Schattenseite der Gesellschaft stehen, gehen leer aus. Die Fifa hat
ihre eigenen Gesetze. Und sie regelt auch die Berichterstattung.
Einer Regierung würde man Zensur vorwerfen.
Die Fußballweltmeisterschaft steht vor der Tür, und die Begeisterung über
das erste Turnier dieser Art auf afrikanischem Boden rückt ins Zentrum der
internationalen Aufmerksamkeit. Doch der normale Südafrikaner, die normale
Südafrikanerin entdecken immer mehr auch die Schattenseiten der
Gastgeberschaft für die größte Show der Welt. Die Regeln der Fifa untersagen
in einem Umkreis von einem Kilometer praktisch jede wirtschaftliche
Tätigkeit,
die nichts für die Fifa und ihren Sponsoren abwirft. Wer Handel betreibt,
braucht
eine Lizenz der Fifa, die angebotenen Waren müssen ein gebührenpflichtiges
Label der Sponsoren tragen.
Diese Regelung trifft in erster Linie die Straßenhändlerinnen,
Morgenmärkte und
die kleinen fliegenden Händler. Doch diese geradezu lächerlichen Auflagen
sind bisher kaum ins öffentliche Bewusstsein gedrungen.
Da kommt es gerade recht, dass die südafrikanischen Medien sich nun einer
Zensur durch die Fifa-Regelungen gegenüber sehen, wenn sie eine
Akkreditierung beantragen. Die Fifa behält sich nämlich vor, ihnen jederzeit
die Akkreditierung zu entziehen, wenn die Berichterstattung nach ihrer
Meinung dem Turnier abträglich ist, was immer das heißen mag. Nun haben die
südafrikanischen Medien das von der Verfassung verbriefte Recht, unabhängig
und ohne Furcht vor Repressionen arbeiten zu können, was sie auch weitgehend
wahrnehmen. Die Auflagen der Fifa haben jetzt eher ungewollt zu einer
Auseinandersetzung über diesen Eingriff in die Pressefreiheit geführt. Dabei
sind in einem weiteren Sinne auch die Proteste von Südafrikanerinnen und
Südafrikanern ohne Öffentlichkeit ins Rampenlicht gerückt. Die Frage lautet:
Ist Südafrika in Bezug auf die WM eine Marionette der Fifa?
Widerspruch ist angesagt
So, wie unsere Wirtschaftspolitik nicht die Bürgerinnen und Bürger im
Auge hat, sondern die Unternehmen, so dient auch die Weltmeisterschaft in
erster Linie Unternehmen und internationalen Interessen. Sie beutet dafür
Südafrikas beliebtesten Sport, den Fußball, aus. Mittlerweile hat sich die
viel beschworene Entwicklung durch sportliche Großereignisse als Wunschtraum
erwiesen, an dem hartnäckig festgehalten wird. Es gibt keine Belege dafür,
dass die Fußball-
Weltmeisterschaften in Südkorea/Japan, in Frankreich oder auch in
Deutschland messbare wirtschaftliche Vorteile gebracht hätten, trotz aller
positiven Verlautbarungen.
Die meisten Beobachter sind sich jedoch darin einig, dass die WM 2010 dem
verbreiteten Afro-Pessimismus entgegenwirken und Anlass für Genugtuung und
Stolz geben kann. Es ist nicht alles grau in grau. Der Weltcup bietet auch
den ganz normalen Südafrikanern und Südafrikanerinnen die einmalige
Gelegenheit darüber nachzudenken, ob der Verzicht auf hart erkämpfte
demokratische Rechte wegen eines kurzen Großereignisses gerechtfertigt ist.
Deshalb lässt sich eine Auseinandersetzung darüber, wie weit man sich von
der Fifa schikanieren lässt, kaum vermeiden. Widerspruch ist angesagt. Der
Staat wird das nicht tun. Für andere aber ist selbst das Undenkbare eine
Option.
In dem Maße, wie die Vorbereitungen schädliche Seiten bei den
Stadtentwicklungen offenbarten, zügellose Korruption bekannt und auch das
Ausmaß der Kriminalität öffentlich diskutiert wurde, mehrten sich die
Stimmen, die zum Boykott der WM 2010 aufriefen. Die Website Boykott 2010
World
Cup Campaign in South Africa hat heftige Kritik vom Präsidialamt, aber auch
von nationalen wie internationalen Medien auf sich gezogen. Selbst
Organisationen der Zivilgesellschaft und Vertretungen der armen Bevölkerung
haben dieser Boykottkampagne entschieden zurückgewiesen.
Auf der anderen Seite arbeitet eine World Class Cities for all Campaign (WCCA)
beharrlich daran, einvernehmliche Lösungen für die überzogenen Forderungen
der Fifa zu finden und die Austragungsorte davon abzubringen, lukrative
Bereiche für informelle Händlerinnen, Straßenkinder und Sexarbeiterinnen
oder andere „unerwünschte“ Personen zu sperren. Diese Kampagne wurde 2002
anlässlich der Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan ins Leben gerufen.
Sie insistiert bei den Regierungen vornehmlich darauf, die Menschen
unmittelbar anzuhören, bevor sie zwangsumgesiedelt werden, um für world
class cities Platz zu machen.
Südafrikaner lieben Fußball. Nicht nur wegen seiner Anmut und Spielkunst,
auch
deswegen, weil dieser Sport nur eines Balles und eines Straßenabschnitts
bedarf. Die WM 2010 wird unter diesem Gesichtspunkt als Betrug empfunden.
Sie okkupiert den beliebten Sport und manipuliert ihn im Interesse des
kapitalistischen Systems und zu Lasten der Arbeiterklasse.

Azad Essa ist freier Journalist.
Oliver Meth arbeitet als Dozent an der Univerität von KwaZulu-Natal im
Centre for Civil Society.