Koordination Südliches Afrika

 
 

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Der Herr der Gastgeber

Der Weltfußballverband – ein Staat im Staate

 

Die Weltmeisterschaft im Fußball rückt näher und zieht die Menschen Südafrikas in ihren Bann. Viele versprechen sich materielle Vorteile vom Turnier. Doch die, die bisher schon auf der Schattenseite der Gesellschaft stehen, gehen leer aus. Die Fifa hat ihre eigenen Gesetze. Und sie regelt auch die Berichterstattung. Einer Regierung würde man Zensur vorwerfen.

von Azad Essah und Oliver Meht

Die Fußballweltmeisterschaft steht vor der Tür, und die Begeisterung über
das erste Turnier dieser Art auf afrikanischem Boden rückt ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit. Doch der normale Südafrikaner, die normale Südafrikanerin entdecken immer mehr auch die Schattenseiten der Gastgeberschaft für die größte Show der Welt. Die Regeln der Fifa untersagen
in einem Umkreis von einem Kilometer praktisch jede wirtschaftliche Tätigkeit,
die nichts für die Fifa und ihren Sponsoren abwirft. Wer Handel betreibt, braucht
eine Lizenz der Fifa, die angebotenen Waren müssen ein gebührenpflichtiges Label der Sponsoren tragen.

Diese Regelung trifft in erster Linie die Straßenhändlerinnen, Morgenmärkte und
die kleinen fliegenden Händler. Doch diese geradezu lächerlichen Auflagen sind bisher kaum ins öffentliche Bewusstsein gedrungen.
Da kommt es gerade recht, dass die südafrikanischen Medien sich nun einer Zensur durch die Fifa-Regelungen gegenüber sehen, wenn sie eine Akkreditierung beantragen. Die Fifa behält sich nämlich vor, ihnen jederzeit die Akkreditierung zu entziehen, wenn die Berichterstattung nach ihrer Meinung dem Turnier abträglich ist, was immer das heißen mag. Nun haben die südafrikanischen Medien das von der Verfassung verbriefte Recht, unabhängig und ohne Furcht vor Repressionen arbeiten zu können, was sie auch weitgehend
wahrnehmen. Die Auflagen der Fifa haben jetzt eher ungewollt zu einer Auseinandersetzung über diesen Eingriff in die Pressefreiheit geführt. Dabei sind in einem weiteren Sinne auch die Proteste von Südafrikanerinnen und Südafrikanern ohne Öffentlichkeit ins Rampenlicht gerückt. Die Frage lautet:
Ist Südafrika in Bezug auf die WM eine Marionette der Fifa?

Widerspruch ist angesagt

So, wie unsere Wirtschaftspolitik nicht die Bürgerinnen und Bürger im Auge hat, sondern die Unternehmen, so dient auch die Weltmeisterschaft in erster Linie Unternehmen und internationalen Interessen. Sie beutet dafür Südafrikas beliebtesten Sport, den Fußball, aus. Mittlerweile hat sich die viel beschworene Entwicklung durch sportliche Großereignisse als Wunschtraum erwiesen, an dem hartnäckig festgehalten wird. Es gibt keine Belege dafür, dass die Fußball-
Weltmeisterschaften in Südkorea/Japan, in Frankreich oder auch in Deutschland messbare wirtschaftliche Vorteile gebracht hätten, trotz aller positiven Verlautbarungen.

Die meisten Beobachter sind sich jedoch darin einig, dass die WM 2010 dem verbreiteten Afro-Pessimismus entgegenwirken und Anlass für Genugtuung und Stolz geben kann. Es ist nicht alles grau in grau. Der Weltcup bietet auch den ganz normalen Südafrikanern und Südafrikanerinnen die einmalige Gelegenheit darüber nachzudenken, ob der Verzicht auf hart erkämpfte demokratische Rechte wegen eines kurzen Großereignisses gerechtfertigt ist. Deshalb lässt sich eine Auseinandersetzung darüber, wie weit man sich von der Fifa schikanieren lässt, kaum vermeiden. Widerspruch ist angesagt. Der Staat wird das nicht tun. Für andere aber ist selbst das Undenkbare eine Option.

In dem Maße, wie die Vorbereitungen schädliche Seiten bei den Stadtentwicklungen offenbarten, zügellose Korruption bekannt und auch das Ausmaß der Kriminalität öffentlich diskutiert wurde, mehrten sich die Stimmen, die zum Boykott der WM 2010 aufriefen. Die Website Boykott 2010 World
Cup Campaign in South Africa hat heftige Kritik vom Präsidialamt, aber auch von nationalen wie internationalen Medien auf sich gezogen. Selbst Organisationen der Zivilgesellschaft und Vertretungen der armen Bevölkerung haben dieser Boykottkampagne entschieden zurückgewiesen.

Auf der anderen Seite arbeitet eine World Class Cities for all Campaign (WCCA) beharrlich daran, einvernehmliche Lösungen für die überzogenen Forderungen der Fifa zu finden und die Austragungsorte davon abzubringen, lukrative Bereiche für informelle Händlerinnen, Straßenkinder und Sexarbeiterinnen oder andere „unerwünschte“ Personen zu sperren. Diese Kampagne wurde 2002 anlässlich der Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan ins Leben gerufen. Sie insistiert bei den Regierungen vornehmlich darauf, die Menschen unmittelbar anzuhören, bevor sie zwangsumgesiedelt werden, um für world class cities Platz zu machen.

Südafrikaner lieben Fußball. Nicht nur wegen seiner Anmut und Spielkunst, auch
deswegen, weil dieser Sport nur eines Balles und eines Straßenabschnitts bedarf. Die WM 2010 wird unter diesem Gesichtspunkt als Betrug empfunden. Sie okkupiert den beliebten Sport und manipuliert ihn im Interesse des kapitalistischen Systems und zu Lasten der Arbeiterklasse.

 

Azad Essa ist freier Journalist.
Oliver Meth arbeitet als Dozent an der Univerität von KwaZulu-Natal im Centre for Civil Society.
 

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Kampagne zur Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika und zur WM 2014 in Brasilien