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30.03.2009

Sport und Nation Building

Sport weckt Emotionen, kann Menschen zusammenbringen, kann Menschen trennen. Der Sport in Südafrika hat beide Gesichter gezeigt. Die Fußball-WM wird 2010 in Südafrika ausgetragen. Kann sie Begeisterung wecken und ein Zusammengehörigkeitsgefühl über die Gruppen hinweg? Es kann gelingen. Doch das muss sorgfältig orchestriert werden.

von Pieter Labuschagne und Hein Möllers Quelle: afrika süd 03.2009

„Sport spricht eine Sprache, die Politiker nicht beherrschen.“ Das sagte der erste frei und allgemein gewählte Präsident Südafrikas, Nelson Mandela, in einem Interview mit der Zeitung Super Sport vom 26. Juni 2008. Er wies damit auf Fähigkeiten des Sports hin, dem Land und seinen lange getrennten Gesellschaften ein gemeinsames Nationalgefühl zu vermitteln.

In Südafrika hat der Sport nach dem Ende der Apartheid 1994 diese Fähigkeiten verschiedentlich unter Beweis gestellt. Der Gewinn der Rugby-Weltmeisterschaft 1995 ist den meisten Südafrikanern und Südafrikanerinnen unvergessen. Das Rugby-Turnier fand im eigenen Land statt; Südafrikas Mannschaft wurde in den letzten Jahren der Apartheid im Ausland zunehmend geschnitten. Die politische Wende in Südafrika öffnete auch dem Sport die Tore zur Welt.

Bei diesem Turnier zeigte die südafrikanische Bevölkerung ein erstes Mal, dass sie sich über die alten Grenzen hinweg als eine Nation verstand. Ein Jahr später war Südafrika Gastgeber des Afrika-Cups im Fußball; ein vornehmlich „schwarzer“ Sport. Auch hier verließ die südafrikanische Mannschaft das Turnier als Sieger und weckte Begeisterung in allen Bevölkerungsschichten.

 

Sport: Politisches Mittel der Trennung

Schon die bevorzugten Sportarten spiegeln die Rassentrennung wider. Rugby ist der Mannschaftssport der Buren wie Cricket der Sport für die Englischsprachigen und Fußball der für die Schwarzen. International durften nur „reinrassische“ Mannschaften auftreten; bei Individualsportarten galten nur weiße Athleten als Vertreter Südafrikas, die anderen traten lediglich in eigener Eigenschaft auf. Deutlicher findet sich diese Trennung in der Sportförderung in den Jahren bis 1994.

Gemeinsame Trainingsmöglichkeiten und Ausbildung gab es nicht. Für die Mehrheit der Bevölkerung gab es kaum Sportstätten. Förderungen erhielten fast ausschließlich weiße Sportler, für sie und die Weißen gab es ausreichend und gut ausgestattete Sportstätten. So gab die südafrikanische (weiße) Regierung etwas im Haushaltsjahr 1982/83 knapp 10.000.000 Rand für die Sportförderung für 900.000 weiße Schulkinder aus; die 3,6 Millionen schwarzen Schülerinnen und Schüler wurde mit 14.700 Rand abgespeist. Im gleichen Jahr dokumentierte der südafrikanische Human Sciences Research Council (HSRC) den krassen Unterschied für Schwarze und Weiße bei den Sportstätten: Weiße (10 Prozent der Bevölkerung; 4 Millionen Menschen) verfügten über 73 Prozent aller Rennbahnen, 83 Prozent öffentlicher Schwimmsportanlagen und 82 Prozent aller Rugby-Stadien. Soweto, eine schwarze Township von damals 1,5 Millionen Menschen, hatte gerade mal vier Schwimmbäder, sechs Kricketplätze, vier Rugbyfelder und 140 Fußballplätze, überwiegend einfache Bolzplätze, eine Bowlingbahn, einen Golfplatz und eine Turnhalle.

Diese extremen Ungleichheiten in allen gesellschaftlichen Bereichen und auch im Sport zu korrigieren – das war und ist die vordringliche Aufgabe der demokratisch gewählten Regierungen nach der Wende von 1994. Das ist jetzt 15 Jahre her; im April 2009 wurde die dritte Regierung eines freien Südafrikas gewählt. Doch die politische Transformation hat die sozio-ökonomische Landschaft bisher nicht entscheidend verändert. Die extreme Ungleichheit belastet das Projekt der Nationenbildung, die Schaffung einer Regenbogennation, wie sie Nelson Mandela beschworen hat. Die wenigen Schwarzen, die die neue Situation zum Aufstieg in eine schwarze Elite nutzen konnten, ändern die extreme Spaltung der Gesellschaft nicht. Die Kluft zwischen Oberklasse, Mittelklasse und den Armen ist sogar größer geworden. Es sind mehr Menschen aus formellen Verhältnissen heraus gefallen als in bessere Verhältnisse aufgestiegen sind.

Umso mehr hoffen Politiker – voran die Regierung – auf einen neuen Anstoß vom Sport, konkret von der Fußball-Weltmeisterschaft, die 2010 in Südafrika und erstmals auf dem afrikanischen Kontinent stattfinden wird. Damit wird auch die Rückkehr eines verfemten Landes auf den Kontinent signalisiert. Es ist die Welt, aber vor allem Afrika, das im Jahr 2010 auf Südafrika blickt.

 

Sport als Architekt nationaler Einheit

Rugby war der Nationalsport der Weißen, Ausdruck vor allem für eine getrennte Gesellschaft und keineswegs ein Symbol der Einheit. Das änderte sich dramitisch1995. Die Rugby-Weltmeisterschaft in Südafrika einigte das Land in einer nicht erwarteten Weise. Das gesamte Land stand ungeachtet aller Unterschiede hinter ihrer Mannschaft. In seinen Buch One Team, One Country schreibt Griffith, die Bedeutung dieser Weltmeisterschaft werde man erst nach Jahren einschätzen können. Er weist darauf hin, dass ein Jahr nach den ersten freien Wahlen die Stimmung positiv war; die einzelnen Gruppen waren zuversichtlich, dass das Projekt einer gemeinsamen Nation gelingen werde. Wichtig war dazu ein neutraler Ort, auf dem sich Weiß und Schwarz begegnen konnten, ohne sich allzu weit vorzuwagen. Der Sport war solch ein geeigneter Ort und ausgerechnet Rugby sollte das geeignete Vehikel werden.

Entscheidend war Nelson Mandelas Gespür dafür, diese Gelegenheit für die Versöhnung zu nutzen und dem Weltturnier quasi höhere Weihen zu verleihen. Der Präsident zog sich das grün-goldene Springbok-Trikot mit der Nr. 6 des Kapitäns Francois Pienaar über. Der würdigt in seinem Buch die herausragende Rolle Mandelas und sein Engagement währen des gesamten Turniers: „Dass Mandela sich so für die Springboks ins Zeug geworfen hat, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Weniger deswegen, weil er Millionen von Schwarzen in Südafrika dazu gebracht hat, die Springboks anzufeuern. Über viele Jahre hinweg war die Mannschaft für sie geradezu ein Fremdkörper.... Angst, Unsicherheit und Spaltung in Schwarz und Weiß schmolzen in dieser Umarmung dahin. Und uns wurde bewusst, wir können diese Nation zusammenbringen.“ In den Townships wurden politische Parolen mit Szenen eines Rugbyspiels übermalt. Die Schlagzeile im Sowetan, der auflagenstärksten schwarzen Tageszeitung, lautete Amabokoboko – die Springboks waren damit auch sprachlich in Afrika angekommen. Für diese Wende war sicher auch der Sieg im Auftaktspiel ausschlaggebend. Der Sowetan hatte noch am Vortag geschrieben, niemand interessiere sich für das Turnier. Der Sieg Südafrikas gegen den Rekordmeister Australien entfachte geradezu eine landesweite Begeisterung. Der damalige Sportminister Steve Tshwete sagte, niemals hätten sich die Südafrikaner so sehr als eine Nation gefühlt wie nach diesem Sieg. Als die Amabokoboko im Endspiel die legendären All Blacks aus Neuseeland bezwangen, lagen sich Schwarz und Weiß in einen beispiellosen Freudentaumel in den Armen. Der Rugby-Verband SARFU nutzte die Gelegenheit, das Gemeinschaftsgefühl über die alten Grenzen hinweg zu stärken. 40 Prozent der Gewinne des Turniers setzte er für die Sportförderung in den unterprivilegierten Gebieten ein. Der Verband schloss sich Mashakhane an, einem landesweiten Gemeindeprojekt. Festzuhalten ist: Sportfunktionäre und Politiker zogen an einem gemeinsamen Strick. Das heißt aber auch, ohne Koordinierung und zurückhaltende Planung kann die Wirkung des Sports am Projekt Nation Building leicht verpuffen; Spontaneität allein reicht auf Dauer nicht. Und: Auch Erfolg muss sich einstellen. Nur ein Jahr später, 1996, war Südafrika Gastgeber eines weiteren sportlichen Großereignisses, des African Cup of Nations, bei dem die Kontinentalmeisterschaft im Fußball ausgetragen wurde. Südafrika siegte im Stadion von Soweto im Eröffnungsspiel gegen Kamerun, der Mannschaft des unvergesslichen Millar. Fußball ist anders als Rugby traditionell der Sport der Schwarzen. Zur Eröffnung war das Rugby-Team aufmarschiert und entrollte ein Banner mit der Aufschrift „one team – one country: amakokoboko steht hinter bafana bafana“. Von den durchweg schwarzen Zuschauern gab es stehenden Applaus. Im Rückblick haben drei Faktoren zu dieser Entwicklung beigetragen: Der Sport ist ein geeigneter Ort, ganz unterschiedliche Gruppen zusammenzubringen. Dann spielen aber auch Sieg und Niederlage eine wichtige Rolle für die Nachhaltigkeit der gruppenübergreifenden Begeisterung. Und nicht zuletzt müssen Sport und Politik orchestriert zusammenarbeiten.

 

Begeisterung allein trägt nicht lange

Das positive Moment muss gepflegt werden. Wie wichtig dieses Zusammenspiel der genannten Komponenten einhergehen muss mit realen Verbesserungen für die Mehrheit der Menschen, zeigt die Entwicklung der nächsten Jahre. Die Begeisterung dauerte nur zwei Jahre. Im realen Leben der meisten Menschen in Südafrika zeichnete sich keine greifbare Annäherung der Lebensverhältnisse ab. Das Misstrauen zwischen den von der Apartheid geschaffenen Gruppen war wieder da und wuchs. Als die Springboks Ende Oktober 1997 eine Tour durch Schottland starteten, notierte Sportminister Tshwete – ganz anders als noch 1995: „Als die Springboks im November in Edinburgh eintrafen, da brannte zuhause immer dann Beifall auf, wenn Fehler gemacht wurden. Der Schwung war dahin. Es ist ein Trauerspiel.“ Anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich zeichnete Zapiro einen Cartoon mit der Sprechblase: „Das ist eine Botschaft von Thabo Mbeki: 'Viel Glück, Bafana Bafana – beide Nationen stehen hinter Euch'“. Woher kam dieser rasche Umschwung? Zunächst einmal waren die Erwartungen an die eigenen Mannschaften überzogen. Die Siege auf dem heimischen Kontinent haben den Hang zur Selbstüberschätzung verstärkt. Aber – und darauf weisen Analytiker hin: Der Sport geriet in die Mühlen der Politik und verlor seine gemeinschaftsstiftende Rolle auch, weil Erwartungen auf die neue Zeit, auf gesellschaftlichen Wandel und Erleichterungen im Alltag nicht eingelöst und die alten Gräben nicht zugeschüttet wurden. Viele Menschen, mehr als zuvor, sahen sich vom wirtschaftlichen Aufschwung ausgegrenzt. Der Ball, den Mandela so geschickt ins Feld gespielt hatte, wurde vertändelt. Nach der Euphorie bis 1996 gab es für den südafrikanischen Sport mehrere, von bornierten Sportfunktionären und politisch korrekten, aber phantasielosen Politikern hervor gerufene Rückschläge. Auslöser war auch hier der Rugby-Verband, konkret der langjährige Vorsitzende Louis Luyt, der von seinen rassistischen Vorstellungen und Redeweisen – in Jahrzehnten verinnerlicht – nicht lassen konnte. Vor allem aber führte er den Verband in diktatorischer Manier. Ihm wurde vorgeworfen, sich einem wirklichen Wandel im Rugbysport zu widersetzen. Außerdem war sein Geschäftsgebaren völlig undurchsichtig, Kritiker aus dem eigenen Verband schüchterte er ein, eigene Leute lancierte er in Führungspositionen. Auf groben Klotz setzte die Regierung einen groben Keil. Die undurchsichtige Finanzführung nutze die Regierung als Hebel, machte die Affäre „Rugby-Verband“ zur Staatsangelegenheit und berief einen Untersuchungsausschuss. Luyt schoss zurück und klagte gegen die Regierung wegen unzulässiger Einmischung in eine Verbandskontroverse. Staatspräsident Mandela wurde vor Gericht geladen, um die Einsetzung des Ausschusses zu rechtfertigen – ein Affront gegen einen Mann, der Rugby erst gesellschaftsfähig gemacht hatte. Und als solcher wurde er auch von der Mehrheitsbevölkerung wahrgenommen. Die Antwort der Regierung lautete: Quotenregelung. Drei Viertel der Rugby-Mannschaft hätten schwarz zu sein, verlangte der Sportminister, und das in einer Sportart, die kaum von Schwarzen ausgesucht wird. „Fans sind gnadenlos“, sagte dazu der beste schwarze Rugbyspieler. „Quotenspieler haben keine Chance“. Die Regierung nahm schließlich von der Quotenregelung Abstand; die Verstimmung aber blieb. Politik kann Trennung verfügen und gesetzlich durchsetzen – wie unter der Apartheid geschehen. Für ein Zusammenfinden kann sie jedoch nur Weichen stellen, per Dekret durchsetzen lässt sich das nicht. Der Sport hatte seine Triebkraft als Nation Builder verloren.

 

WM 2010

So war die Situation, als Südafrika die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 zugesprochen bekam. Das hat wohl niemanden in Südafrika kalt gelassen. Mandela strahlte: „Ich fühle mich wie ein kleiner Junge von fünfzehn Jahren. Es ist ein toller Tag für uns.“ Und selbst der eher spröde damalige Präsident Thabo Mbeki ließ sich von der Stimmung mitreißen und wagte einen Tanz. Mandela warnte aber auch in der ihm eigenen Art seine Landsleute vor Überheblichkeit im Moment des Triumphs: „Südafrika sollte die Wahl als Austragungsland nicht arrogant, sondern in Bescheidenheit und in Demut annehmen. Wir sind alle gleich: Wir, die jetzt gewonnen haben, und die, die jetzt nicht gewonnen haben. So geht es im Leben, aber jeder hat eine Millionen Chancen.“ Für einen Augenblick zeigte sich Südafrika wider, wie es sich gerne präsentieren möchte – eine stolze, bunte und erfolgreiche Gesellschaft. Doch nicht nur Südafrika feierte, der Kontinent jubelte. Ohne den Fußball zu überschätzen, die Austragung der Weltmeisterschaft erstmals auf dem afrikanischen Kontinent hat Signalwirkung. Afrika, das sich mit seinen Problemen, wie sie kaum eine andere Weltgegend kennt, im Stich gelassen fühlt, rückt nun – wenn auch nur für wenige Wochen – ins Rampenlicht. Die Frage in unserem Zusammenhang lautet: Kann diese WM zur Nation Building und zur Konsolidierung der Demokratie in Südafrika beitragen? Anders ausgedrückt: Wie kann mit dem Pfund eines solchen sportlichen Großereignisses in dieser Hinsicht gewuchert werden? Hier kommen wir wieder auf die drei bereits angesprochenen Komponenten zurück. Die erste Komponente lautet: Es bedarf der richtigen Atmosphäre. Bei der Rugby-WM 1995 waren die Umstände wohl einzigartig; der politische Aufbruch knapp ein Jahr zuvor und das Engagement von Nelson Mandela. Das ist heute anders. Die Politik ist in den Mühen der Ebene angekommen und hat wenig sichtbare Erfolge für die Mehrheit gebracht; Mandela sitzt auf dem Altenteil und ist schon fast Geschichte. Die Aufbruchstimmung lässt sich nicht wiederherstellen; der Sport in Südafrika hat seine Unschuld verloren. Das Organisationskomitee allerdings steht vor der Herausforderung, diese nationale Begeisterung von 1995 wiederzubeleben.

Komponente 1: die rechte Atmosphäre

Eine magische Formel gibt es dafür nicht. Sport weckt Emotionen, und bei einem Sieg entwickelt sich ein spontanes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Eine solche Begeisterung ist nicht von Dauer. Sie zu nutzen, liegt bei der Politik. Der Sport allein kann die Bindungskräfte nicht verstetigen, sondern kann nur ein Baustein beim Nation Building sein. In praktischer Hinsicht müssen Regierung und Sport eng und abgestimmt zusammenarbeiten, um ein positives Klima entstehen zu lassen und Begeisterung zu wecken. Daraus kann sich dann bei der WM ein Vorteil für alle Südafrikanerinnen und Südafrikaner entwickeln. In sozio-ökonomischer Hinsicht muss dieser Vorteil aus der WM in Arbeitsplätze und die Verbesserung des Lebensstandards für alle umgesetzt werden. Die WM 2010 bietet da ein größeres Potenzial als die Rugby-Weltmeisterschaft 1995. Damals wurden – wie schon erwähnt – 40 Prozent der Gewinne in den Bau von Sportstätten in unterprivilegierten Gebieten eingesetzt. Südafrika hat bei der Bewerbung für die WM und anderer Großereignisse dieses Argument immer wieder in den Vordergrund gestellt. Die neuen Arbeitsplätze in der Bauindustrie mögen temporär sein, der Tourismussektor aber erwartet einen anhaltenden Schub. Nach vorläufigen Schätzungen werden umgerechnet knapp drei Milliarden Euro Einnahmen aus der WM erwartet. Wenn aus den Gewinnen ein beträchtlicher Teil in die Entwicklung des Sports in Südafrika zugunsten der bisher zu kurz Gekommenen investiert wird, wäre das ein gewichtiger Beitrag zur Nation Building. Die WM darf nicht nur ein Aushängeschild nach außen sein; sie muss in gleicher Weise auch als nationales Ereignis begriffen werden. Deshalb haben die Organisatoren dafür zu sorgen, dass der Nutzen für breite Schichten der Bevölkerung – für die fliegenden Händlerinnen und Inhaber kleiner Pensionen, für die Taxifahrer und den Souvenierverkäufer – spürbar wird. Damit schaffen sie im Gegenzug eine positive Einstellung zur WM – eine Voraussetzung für ihr Gelingen.

Komponente 2: Erfolg garantiert den Erfolg

Die Rugby-Weltmeisterschaft wie der Nationen-Pokal haben mit aller Deutlichkeit gezeigt: Siege – vor allem zum Auftakt – sind wichtig für Stimmung und Begeisterung. Das gilt auch für die WM 2010 – eine ernste Herausforderung für den südafrikanischen Fußballverband. Hier hat Südafrika nämlich ein Problem. Die Mannschaft ist außer Tritt, etliche Trainer haben das Handtuch geworfen. Die Aussichten für Südafrikas Mannschaft sind alles andere als rosig, und der Verband hat alle Hände voll zu tun, das spielerische und kämpferische Niveau der Mannschaft rechtzeitig zur WM – nach Möglichkeit schon zum Konföderationen-Cup im Juni 2009 – zu heben. Ein Ausscheiden schon in der Vorrunde dürfte der nationalen Stimmung höchst abträglich sein. Aber auch außerhalb des Spielfeldes bedarf es sichtbarer Erfolge und Fortschritte. Lange – abträglich lange – blieb die Ungewissheit, ob die Stadien rechtzeitig fertig würden, ob Verkehr und Transport genügend ausgebaut sein würden, um dem erwarteten Zuschauerandrang gerecht zu werden. Das ist weitgehend der Fall. Ende Februar konnte mit dem Ticketverkauf begonnen werden. Dem Cheforganisator der WM 2010, Danny Jordaan, war die Erleichterung bei der Pressekonferenz anzusehen; er brauchte nun nicht mehr auf die Frage antworten, ob Südafrika überhaupt in der Lage sei, ein solches Ereignis durchzuführen. „Wir verkaufen jetzt Karten“, sagte er. Damit hat sich die Frage wohl endgültig erledigt, ob uns der Weltcup wieder genommen werden könnte.“

Komponente 3: eine gelungene Orchestrierung

Sport als nationales Anliegen hat in der Bevölkerung in Südafrika an Bedeutung verloren. Eine vergleichende Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass dieses Thema 1995 in den Medien noch an erster Stelle behandelt wurde. 1999 spielte der Sport als Instrument der Einigung für die Regierung – namentlich für Staatspräsident Thabo Mbeki – nur noch eine untergeordnete Rolle. Auch in den Medien verlor dieses Thema seinen Spitzenplatz und fiel auf Rang vier zurück. Das Projekt Nation Building wird entscheidend von der Initiative und der Zusammenarbeit von Sport und Politik abhängen. Der südafrikanische Fußballverband muss noch gewaltige Anstrengungen unternehmen, um Unterstützung in allen gesellschaftlichen Schichten zu finden. Die Mannschaft muss sich dafür glaubhaft als multirassisches Team präsentieren, was nichts mit der zahlenmäßigen Verteilung zu tun haben muss, wie das Rugby-Team von 1995 gezeigt hat. Diesmal gilt es, die weißen Mitbürger auf die Seite zu ziehen. Das damalige erfolgreiche Konzept des Rugby-Verbandes One Team – One Nation sollte sorgfältig analysiert und angemessen auf Bafana Bafana und die WM 2010 übertragen werden. Nicht überschätzt werden darf dabei die nationale Begeisterung für die eigene Mannschaft. Sie kann ein Team über sein Vermögen hinaustragen, wie der dritte Platz der deutschen Mannschaft bei der WM 2006 gezeigt hat. Eine Woge der Begeisterung könnte auch der zur Zeit kränkelnden Bafana Bafana-Truppe ungeahnten Auftrieb geben. Wichtig dabei ist in erster Linie, dass alle Bemühungen, Projekte und Initiativen koordiniert und gebündelt werden; die WM 2010 läuft nicht von selbst. Eine wirklich nationale Begeisterung muss orchestriert werden. Auf allen Ebenen – angefangen bei der Regierung bis hinunter zu den städtischen Verwaltungen und im Tandem mit dem Fußballverband. Niemand rechnet damit, dass die WM 2010 organisatorisch perfekt über die Bühne gehen wird. Noch immer weiß man nicht, ob das neue Schnellbussystem funktionieren wird; die Hochgeschwindigkeitsstrecke, die einmal Tshwane/Pretoria mit Johannesburg verbinden soll, kann bis zur WM nur Insellösungen bieten. Der wohl ernstzunehmendste Vorbehalt gilt der Sicherheit. Verantwortliche und Regierung haben dieses Problem bisher immer heruntergespielt. Sie verweisen darauf, dass bisher bei keinem Großereignis – Rugby-WM, Afrika-Cup oder verschiedenen Weltgipfeln der Vereinten Nationen – ein Gast zu Schaden gekommen sei. Fragen bleiben: Wird die Sicherheit gewährleistet ohne Rückgriff auf rigorose Polizeimaßnahmen? Wie wird die internationale Presse über Zwischenfälle und Pannen berichten, wird sie kleinlich nörgeln? Wie werden afrikanische Mannschaften aufgenommen in den Townships, wo viele der WM-Stadien liegen? Und schließlich: Wird die südafrikanische Mannschaft begeisternd spielen und die Vorrunde überstehen?

Quelle: afrika süd 03.2009

Wir danken der issa e.V. für die Veröffentlichungsgenehmigung auf unserer Website.

KOSA

Die Koordination Südliches Afrika (KOSA) e.V. ist ein bundesweit tätiges Netzwerk, das thematisch hauptsächlich zu Südafrika arbeitet. Derzeitiger Arbeitsschwerpunkt ist die Initiierung und Unterstützung von Schulpartnerschaften zwischen Deutschland und dem südlichen Afrika sowie die entwicklungs-politische Bildungsarbeit mit jungen Menschen.

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